Foto: Hocico / Quelle: Out of Line

Hocico – HyperViolent

Das Album ist ein weiterer Beweis dafür, warum Hocico zur Speerspitze der düsteren elektronischen Musik gehören – es ist eines ihrer stärksten

Da kreist die „Electro Keule“ wieder. So griffig beschreibt das Label Out of Line die neue Platte eines ihrer Zugpferde. Dem Pressetext der Homepage sind noch weitere Floskeln zu entnehmen, welche so auch etliche andere Industrial/Aggrotech-Acts beschreiben könnten. Dabei legen Hocico ihr wohl abwechslungsreichstes Album vor, was gar nicht genug gewürdigt werden kann. Der Vorgänger „Artificial Extinction“ (2019) war ein geradezu klassisches Hocico-Album. Auf „HyperViolent“ werden diverse Genrefesseln endgültig gesprengt. Schon die vorab veröffentlichten Singles ließen erahnen, dass uns ein vielschichtiges Album erwarten würde.

Hocico bleiben sich dennoch in vielerlei Hinsicht treu. Atmosphärische Instrumentalstücke wechseln sich mit harten Electrotracks ab. Das Intro „When the Trumpets of Hate Blow“ ist eine Mischung aus Spoken Word, finsteren Streichern und düsteren Synth-Flächen. Das hypnotische „Broken Empires“ erweist sich als perfekter Folgesong. Die bedrohliche Stimmung und die Mischung aus schleppendem Industrial und Drum’n’Bass legen die Grundstimmung des gesamten Albums fest. Dieser Song ist einer der stärksten der Bandhistorie.

Acts of Aggression“ ist ein schneller und eher typischer Electrotrack der Mexikaner. Eine drückende und minimalistische Bassline, abgehackte Synthies und ein fast schon technoides Drumsetting sind die Zutaten für einen gradlinigen Tanzflächen-Hit. Den Puls lässt das erste Instrumental „Un Sepulcro Sin Cadaver“ ein wenig sinken. Die Plattitüde des Soundtracks eines Horrorfilms käme mir in den Sinn. Schlägt des Stück doch eine Brücke zum folgenden Kleinod „What Are Nightmares Made Of?“. Ein Song, den ich als eine Dark Electro Powerballade bezeichnen würde. Düster und ver(alb)träumt erzeugen die Mexikaner eine ähnliche, aber weniger aggressive Stimmung wie bei „Broken Empires“.

Mit „Hacked Society“ werden wieder Genregrenzen aufgebrochen. Erneut spielen Hocico gekonnt mit Industrial und Drum’n’Bass. „El Jardin de Las Locuras“ ist ein sehr ruhiges Zwischenstück vor dem nächsten Tanzflächenhit „Backstabbers“ – The Prodigy und die 1990er lassen grüßen. Breakbeat und Dark Electro vermengen sich zu einer wuchtigen Chimäre. Mit „Lost World“ bespielen Hocico wieder ihren gewohnten stilistischen Pfad. Wütend wie eh und je dürften mit diesem Song vor allem Fans der älteren Alben glücklich werden. Die nächste instrumentale Brücke wird mit „Black Reflection“ gebaut, bevor es so richtig wild wird. Nicht, dass Hocico bis hier hin nicht schon ihre wilde Seite gezeigt hätten, aber…

Die verrückten Mexikaner haben tatsächlich den verrückten Kubaner gecovert. Mit N.W.O haben sich Hocico dem Opener des legendärsten Albums von Ministry – „Psalm 69“ (1992) – angenommen. Die Interpretation könnte auch ein gelungener Remix sein. Krachige Gitarren und ein Druckvoller Sound. Weit weg vom Original sind Hocico nicht. Was etwas schade ist. Ich hätte mir da ein wenig mehr Mut zum eigenen Stil gewünscht. Die Spanier Terrolokaust beispielsweise haben sich einst bei ihrer Version von „Just One Fix“ (das Original ist auch auf „Psalm 69“ zu finden) mehr getraut. Dennoch transportieren die Mexikaner die gleiche angepisste Stimmung, wie sie einst von Uncle Al und Co. ausgespien wurde. Somit ist „N.W.O“ doch ein Highlight des Albums. Live wird der Song sicher richtig gut funktionieren.

Und wem es jetzt noch nicht wild genug war, sollte sich auf „Crown of Knives“ gefasst machen. Hocico werfen mal eben alles über den Haufen. Black Metal mit einem Hauch Industrial. Erks Geschrei und die hypnotischen Riffs werden im Refrain von klassischen Keyboardflächen untermalt und am Ende entsteht ein echter Brecher mit Knalleffekt. Hier lassen Dark Funeral oder Dimmu Borgir grüßen. Ein Song, der mindestens zwei Erkenntnisse mitbringt:
Erstens werden hier einige Electroheads den Kopf eher schütteln und nicht bangen. Zweitens zeigen Erk und Racso, dass Schubladendenken und Genregrenzen in einem künstlerischen Kontext totaler Quatsch sind. Beide Musiker ziehen ihre Inspiration aus vielerlei Genres und zeigen mit „N.W.O“ und „Crown of Knives“ was neben Leæther Strip und Co. nötig war, damit Hocico über drei Jahrzehnte so erfolgreich musizieren. Ich würde eine Metalplatte der beiden jedenfalls hören wollen.

Das abschließende „Peccata Mundi“ erinnert ein wenig an Cyberpunk und bildet ein passendes Outro.

Insgesamt zeigen sich Hocico mit „Hyperviolent“ erfrischend abwechslungsreich. Genregrenzen werden gekonnt aufgebrochen. Das wird nicht allen Fans passen. Der erste Durchlauf erinnert an The Retrosic und ihr Album „Nightcrawler (2006). Bei allen neuen Einflüssen bleiben sich die Mexikaner jedoch in jeder Note treu. Die Grundstimmung bleibt konsequent aggressiv und finster. Die Mischung aus krachigen Nummern und langsameren Instrumentalstücken wird mit jedem neuen Album harmonischer. Auch wenn die Instrumentalstücke von Hocico nie etwas für alle Fans waren – die einen lieben sie und die anderen sind gelangweilt – ergänzen sich die einzelnen Songs in ihrer Gesamtheit. Das Album ist also ein weiterer Beweis dafür, warum Hocico zur Speerspitze der düsteren elektronischen Musik gehören – es ist eines ihrer stärksten.

Erscheinungsdatum
14. April 2022
BAND/KÜNSTLER:IN
Hocico
ALBUM
HyperViolent
LABEL
Out of Line
Unsere Wertung
8
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Hocico – HyperViolent
FAZIT
Insgesamt zeigen sich Hocico mit „Hyperviolent“ erfrischend abwechslungsreich. Genregrenzen werden gekonnt aufgebrochen. Das wird nicht allen Fans passen. Der erste Durchlauf erinnert an The Retrosic und ihr Album „Nightcrawler (2006). Bei allen neuen Einflüssen bleiben sich die Mexikaner jedoch in jeder Note treu. Die Grundstimmung bleibt konsequent aggressiv und finster.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
7
GESANG
6.5
PRODUKTION
9
UMFANG
8.5
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Überraschend abwechslungsreich modifizieren die Mexikaner ihren bekannten Sound.
Interessant auch die Einflüsse von Black Metal in einigen Passagen des Albums.
NEGATIV
Bei dem Ministry-Coversong hätte man ruhig noch etwas mehr Mut zum eigenen Stil beweisen können.
8
PUNKTE

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