Quelle: Faderhead

Faderhead – Years Of The Serpent

"Ein Album, in dem es darum geht, sich mit den Problemen und Kämpfen der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um daraus zu lernen und voranzukommen"

Gerade ist das neue Album von Faderhead, “Years Of The Serpent”, hier bei mir das dritte Mal komplett durchgelaufen. Was mich dazu brachte, meinem Kumpel Sebi eine Nachricht zu schicken mit ungefähr diesem Wortlaut: Ist echt gut geworden, das neue Album von Faderhead. Die Reaktion kam prompt: war ja fast zu erwarten. Tatsächlich könnte damit schon alles gesagt sein über dieses neue Album des Hamburger Produzenten, das beispielsweise bei Bandcamp schon seit dem 27. Dezember des vergangenen Jahres erhältlich ist, bei den üblichen Streaming-Diensten aber erst nach Jahreswechsel zugänglich gemacht wurde. Könnte. So einfach will ich es Euch (und mir) dann aber doch nicht machen, daher lasst uns nachfolgend doch mal gemeinsam herausfinden, was Album Nummer 11 so auszeichnet.

Die Veröffentlichung um den Jahreswechsel herum passt ganz hervorragend zur Selbstbeschreibung des Albums aus dem Hause Faderhead: “Ein Album, in dem es darum geht, sich mit den Problemen und Kämpfen der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um daraus zu lernen und voranzukommen”.

Natürlich bräuchte es dafür kein bestimmtes Datum oder einen konkreten Anlass, dennoch wird ein Jahreswechsel oftmals als Grund herangezogen, mal Tabula Rasa zu machen. Vielleicht alte Gewohnheiten über Bord zu werden, einen Haken hinter dieses und jenes zu setzen, neue Vorsätze zu fassen – diese nicht selten mit extra kurzer Halbwertszeit gesegnet – und idealerweise mit einigem Optimismus ins neue Jahr zu starten. Das ging früher, als nicht diese Pandemie den Alltag beherrschte, gewiss leichter als vergangenes Silvester. Dennoch ist das so in etwa ein weit verbreiteter Ablauf.

Wer nun fürchtet, Sami aka Faderhead würde das neue Jahr zum Anlass nehmen, alte Zöpfe abzuschneiden und seine Musik in einen ganz neuen Sound kleiden, kann beruhigt aufatmen. Pauschal kann man sagen: da wo Faderhead draufsteht, ist auch 2022 noch immer Faderhead enthalten. Vielmehr macht er das, was er seit ungefähr immer macht: den, man möchte sagen inzwischen zum Trademark gereiften, Sound auf die nächste Evolutionsstufe heben. Hinsichtlich der musikalischen Raffinesse, die sich in vielen Details äußern die in den Klangteppich gewoben wurden, aber auch hinsichtlich der einmal mehr satten und druckvollen Produktion, die mir mit einem solchen Nachdruck einen neuen Scheitel aus den Boxen pustet, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, meinen Föhn zu entsorgen!

Auch in Punkto Gesang bewegt sich Faderhead immer wieder auf neuen, durchaus überraschenden Bahnen. Wenn er, wie hier beispielsweise in “Dance With Your Demons”, einem der durchaus härteren Songs des Projekts, kraft seiner Wassersuppe ins Mikrofon brüllt, dann muss ich schon so ein bisschen an die besseren Tage von Andy LaPlegua und seinen Combichrist denken. Apropos LaPlegua: Der kommt mir noch an anderer Stelle in den Sinn. “Too Dead For Life” erinnert mich nicht nur vom Titel her an “Dead Enough For Life” des LaPlegua-Projekts Icon of Coil, sondern auch weil Faderheads Nummer eine ganz wunderbar treibende, tanzbare und den Puls manipulierende Nummer geworden ist, die vor Details strotzt und eigentlich in die Clubs gehört. Dürfte mich bei einem, der dereinst das Artwork für Icon of Coils Knülleralbum “Machines Are Us” machte, eigentlich auch nicht überraschen. Könnte ich im Strahl erbrechen dass dieser Song wohl so schnell nicht von schwitzenden, sich in Ekstase tanzenden Menschen abgefeiert werden kann, ey! Ich nehme an, dem Faderhead geht es ähnlich. Prädikat jedenfalls: Rotzecool!

Nicht weniger gelungen und episch ist “Your Broken Ghost”, das zunächst mit Gitarrengeklimper eröffnet und sich dann in fetzigen FuturePop entwickelt, der so ein kleines Bisschen den Geist der 1980er atmet. Und irgendwie auch den von Trance. Mir kommen Jan Hammer und New Order in den Sinn. Und irgendwie auch ATB. Wer Faderhead seiner ruhigeren, melodiöseren Nummern wegen schätzt, bekommt hier das nächste Highlight einer ohnehin an Highlights nicht armen Platte serviert.

Um mal über ein paar Inhalte zu reden: Szene- und sozialkritisch wird es beispielsweise in dem Stampfer “You Can’t Sit With Us”, in dem Faderhead mit Schall- und Nachdruck deutlich macht, wer ihm quasi mal den Buckel runterrutschen kann. Von Violators ist da die Rede, Hate-Screamers auch und Nazi Goths. Könnt Ihr Euch selbst überlegen, ob damit bestimmte Personen gemeint sind und wenn ja, welche. Ich habe so meine Theorien, behalte diese aber für mich. Und dann ist da auch noch “Control The People”, das musikalische Kantholz, dessen Titel schon alleine für sich spricht. Der Rest ist, man kennt es bereits, ist durchzogen von persönlichen Einblicken in das Faderhead’sche Gedanken- und Gefühlsuniversum, oftmals in Bilder zeichnende Worte verpackt, bei denen sich Hörende auch ganz bequem eigene Interpretationen in die Skizzen pinseln können.

Wenn Faderhead seine Hörer:innen nach insgesamt 14 Songs und einer Gesamtspielzeit von rund einer Stunde mit der Ballade in epischem Breitbildformat, “The Hope That Kills You”, die sich wie eine tröstende, warme Decke um die Schultern von so manchen Hörer:innen legen dürfte, in die kalte Wirklichkeit entlässt, dann haben diese gerade einen wirklich wilden Ritt in Form eines höchst abwechslungsreichen, düsteren Electro-Albums hinter sich! Es bedient sich so vieler Stile und Spielarten, dass es eine wahre Wonne ist. Vielfalt wird derart groß geschrieben, dass Faderhead auf dem besten Wege ist, eine eigene Genre-Bezeichnung zu werden.

Wenn man ein Album abliefert, das eine derart hohe Wertung kassiert, wie wir sie 2019 für das Vorgängeralbum “Asteria” vergeben haben, dann besteht immer die Gefahr, dass ein Nachfolgewerk nicht mehr den gleichen Impact hat. Dass die Erwartungen durch den einen Top-Titel so derart hoch sind, dass sie ein:e Künstler:in nicht erfüllen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass kaum etwas so subjektiv ist wie das Empfinden bezüglich Musik. Es gibt Bands, deren Weg ich mitgehe und bei denen sich die Veröffentlichung von Alben und die Wahrnehmung selbiger wie eine Welle gestaltet. Ein ewiges auf und ab. Ist ein Album gut, ist es das nächste nicht mehr. Und so weiter. Bei Faderhead ist das aber irgendwie anders. Spätestens seit seinem 2014er Album “Atoms & Emptiness” kennt die Welle nur zwei Wege: Niveau halten – oder steigern. “Years Of The Serpent” macht da keine Ausnahme. Da es über Apple Music & Co. erst 2022 veröffentlicht wurde, zähle ich dieses Album zu den ersten großen Highlights des noch sehr jungen Jahres. Und da kommt mir wieder mein Freund Sebi in den Sinn: Auch das war irgendwie zu erwarten.

Erscheinungsdatum
14. Januar 2022
BAND/KÜNSTLER:IN
Faderhead
ALBUM
Years Of The Serpent
LABEL
Not A Robot Records
Unsere Wertung
9.2
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Faderhead – Years Of The Serpent
FAZIT
Wenn Faderhead seine Hörer:innen nach insgesamt 14 Songs und einer Gesamtspielzeit von rund einer Stunde [...] entlässt, dann haben diese gerade einen wirklich wilden Ritt in Form eines höchst abwechslungsreichen, düsteren Electro-Albums hinter sich! Es bedient sich so vieler Stile und Spielarten, dass es eine wahre Wonne ist. Vielfalt wird derart groß geschrieben, dass Faderhead auf dem besten Wege ist, eine eigene Genre-Bezeichnung zu werden.
INHALT/KONZEPT
9.5
TEXTE
9.5
GESANG
9
PRODUKTION
10
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Wieder einmal liefert Faderhead auf höchstem Niveau: Von der Produktion bis hin zur musikalischen Vielfalt - alles Oberliga!
Haufenweise neue Tanzflächenfüller die nur darauf warten, die Clubs zu erobern.
Erneut gekonnte Mischung aus persönlichen und gesellschaftlichen Beobachtungen und Einblicken.
NEGATIV
9.2
PUNKTE

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