Foto: Baillie Walsh

ABBA – Voyage

Ein Vermächtnis, ein Gruß aus den Achtzigern und das Versprechen, dass die Musik von ABBA immer da sein wird – für immer

Es gibt Dinge, von denen glaubte ich, dass sie mir nie mehr widerfahren würden. Ich war zum Beispiel sicher, dass ich niemals eine Pandemie durchleben müsste mit Ausgangsbeschränkungen, Maskentragen und all dem, was dazu gehört. Ich bin auch überzeugt davon, dass ich nie wieder im Stehen runter auf meine Schuhe schauen kann, ohne dass ein Bauch sie verdeckt. Und ja, ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich niemals ein Wort über neues Material von ABBA verlieren würde. 

Aber here we are: Seit dem 5. November ist das Album “Voyage” am Start, das erste von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid seit knapp vierzig Jahren! Es gab immer wieder mal Gerüchte um ein Comeback, nachdem diese Legenden 1982 eine “Pause” angekündigt hatten. Selbst Milliarden-Dollar-Offerten konnten die vier Bandmitglieder, die einst zwei Ehepaare waren, nicht zum Comeback bewegen.

Dann häuften sich in den letzten Jahren die Meldungen. Sowohl die “Abbatar”-Nummer wurde schon erwähnt, vor allem aber war die Rede von zwei neuen Songs, die die vier alten Schweden aufgenommen haben sollen. Wie die Geschichte ausging, wissen wir alle mittlerweile: Die Chemie passte wieder und sehr flott erwuchs aus den zwei Songs die Idee, doch nochmal ein Album aufzunehmen. 

Foto: Ludvig Andersson

Und dann war auf einmal September 2021 und ich stand mit Tränen in den Augen vor meinem Fernseher und sah mir den Livestream der Band an und hörte erstmals die beiden neuen Lieder aus der Feder von Benny Andersson und Björn Ulvaeus.

I Still Have Faith In You” heißt das erste und die erste Single eröffnet auch dieses erste ABBA-Album seit dem im November 1981 veröffentlichten “The Visitors”. Fragt ihr andere Menschen nach ihrer Meinung zu diesem Song, werden sie vermutlich sowas sagen wie: “Klingt original wie früher”. Und ja, genau dieser Effekt setzte auch bei mir direkt ein beim allerersten Hören. 

Lauschen wir der ersten Strophe, sind wir direkt geneigt, den Text auch auf die Band zu übertragen:

“I still have faith in you

I see it now

Through all these years that faith lives on, somehow

There was a union

Of heart and mind

The likes of which are rare and oh so hard to find”

Der Song startet eben genau mit diesen Zeilen und ist sehr getragen. Als nach lediglich zehn Sekunden erstmals diese Stimme von Frida einsetzt, ist das wie eine Zeitreise, gegen die man sich nicht wehren kann. 

Nach einer knappen Minute setzt dann ein Pre-Chorus ein, der uns schon andeutet, dass die beiden Jungs noch überhaupt nichts von ihren Komponisten-Skills eingebüßt haben. Der sehr hymnische Song steigert sich und erlaubt sich den Luxus, sich erst nach über zwei Minuten komplett zu entfalten.

Foto: Ludvig Andersson

Sind das wirklich vierzig Jahre, seitdem dieser so unverwechselbare Gesang von Agnetha und Frida uns eine neue ABBA-Melodie ins Ohr küsste? Plötzlich bin ich wieder zehn Jahre alt, sitze am Radio meiner Eltern und weiß noch nichts von den Sorgen und Nöten des Lebens. 

Der zweite Song ist dann “When You Danced With Me” und klingt weniger getragen und melancholisch wie sein Vorgänger. Sowohl Melodie auch Instrumentierung entführen uns ein wenig nach Irland. Wenn die Mädels einsetzen mit “I can remember when you left Kilkenny”, wissen wir, dass der Irland-Gedanke der richtige war.

Nachdem ich vier Dekaden und dann nach der Ankündigung im September weitere zwei Monate lang dem Album entgegengefiebert habe, war das ein erster ganz kleiner Dämpfer. 

Als ich mit Roman erstmals über das Album sprach, gestand ich ihm, dass es mir phasenweise etwas B-seitig vorkäme. Dieser Song steht dafür, aber ich tue ihm damit Unrecht.

Eigentlich ist er genau auf dem Niveau, auf dem ABBA auch in den Siebzigern und frühen Achtzigern Albumsongs abgeliefert hat. Gebt es zu: Ihr könnt bestimmt auf Anhieb 10 oder 20 ABBA-Hits blind mitsingen – aber ihr bekommt sicher nicht ansatzweise alle Titel der Albumtracks zusammen, geschweige denn die Texte dazu. 

Das sagt gar nicht mal aus, dass die Qualität zwingend schlechter ist als bei den großen Hits dieser Legende. Oder vielleicht doch, ein wenig – wenn man es mit ABBA-Maßstäben misst. Jede andere Popband hingegen hätte sich alle Finger nach diesen Nummern geleckt.

Foto: Baillie Walsh

Sehr ruhig geht es danach weiter: Mit “Little Things” stimmen ABBA hier glatt ein Weihnachtslied an. Ich mag ihnen da kein Kalkül unterstellen, selbst wenn das Album passend zur Vorweihnachtszeit erschienen ist. 

Apropos: Weltweit geht “Voyage” natürlich direkt auf die 1 der Charts und hat in Deutschland das Kunststück geschafft, mehr Einheiten zu verkaufen als die restlichen Alben der Top 100 zusammen! Sowohl beim Googeln nach “Phoenix aus der Asche” als auch “Paukenschlag” wäre es damit angebracht, ein Bandfoto als Ergebnis zu erwarten. 

Little Things” macht das, was Weihnachtslieder so machen: Sie erzählen Geschichten vom Weihnachtsmann und von neuem Spielzeug, welches von fröhlichen Kindern ausprobiert wird. Dazu gibt es die unvermeidlichen Glocken-Sounds und einen Kinderchor.

Danach folgt der zweite der Vorab-Songs mit “Don’t Shut Me Down” – vielleicht die stärkste Nummer auf dem Album. 

Als ich sie vor Monaten erstmals im Livestream hörte, dort auch die Tränen in den Augen anderer blitzverliebter ABBA-Fans sah und selbst los heulte, war eben genau dieses ABBA-Gefühl wieder da. Hier zeigt die Band, dass sie nichts, aber auch gar nichts verlernt hat. Der Song beginnt auch wieder gemächlich, aber nach den ersten Zeilen hören wir das nicht nur ein bisschen an “Dancing Queen” erinnernde Klavier und dann folgt genau eine dieser Uptempo-Nummern, wegen denen wir uns damals in diese Musik verliebt hatten. 

Mit “Just A Notion” geht die erste Hälfte des Albums zu Ende und wir bleiben in der Uptempo-Abteilung. Es ist eine fröhliche Boogie-Nummer, die schwer an die 70er erinnert. Das ist übrigens kein Zufall, denn “Just A Notion” ist tatsächlich ein Fragment von 1978, welches es in Auszügen schon mal als Demo zu hören gab und jetzt final aufgenommen wurde.

Foto: Industrial Light & Magic

Dass diese wieder einmal so ABBA-typische Nummer musikalisch dennoch kaum hervorsticht, zeigt uns, dass ABBA gar nicht versucht haben, irgendeinen Zeitgeist zu bedienen – zumindest keinen aktuellen. 

Bei “I Can Be That Woman” höre ich wieder diese Melancholie, mit der ABBA schon Anfang der Achtziger und auch vorher schon Beziehungskisten thematisiert haben. Ich habe keinen Schimmer, ob die Vier da immer noch Dinge aufzuarbeiten haben, oder ob der Text überhaupt nichts Biografisches hat. 

Für mich ist der Song jedenfalls eine perfekte Symbiose aus typischem ABBA-Song – und einer Nummer von Roxette

Danach folgt “Keep An Eye On Dan”, der mit einem sehr schönen Synthesizer-Lauf anfängt und sich zu einem Song entwickelt, der ebenfalls perfekt auf die “The Visitors” passen würde. Musikalisch verorte ich es ganz nah bei “Gimme Gimme Gimme” – an keiner Stelle des Albums haben wir das Gefühl, dass wir etwas Unbekanntes, Unvertrautes hören. 

So wohlig bekannt sich der Song auch anfühlt: Der Text hingegen ist ein ziemlicher Tritt in den Magen, weil es – wenn ich den Text richtig interpretiere – um den Verlust eines Kindes geht. 

Zum Ende des Songs gibt es noch einmal Gänsehaut-Alarm: Dann nämlich, wenn der Song leise mit einem der ikonischen Klavier-Parts aus “S.O.S.” endet. 

Mit “Bumblebee” wird es wieder langsamer, getragener. Der Song beginnt mit Flöten, die entfernt an “Fernando” erinnern. Der Rest ist mir ehrlich gesagt zu “Kinderlied” und ja: Es geht tatsächlich um eine Hummel. Kann man nett im Hintergrund laufen lassen, holt mich aber kaum ab. 

Mit “No Doubt About It” biegen wir jetzt langsam, aber sicher auf die Zielgeraden ein und das erneut mit einer Uptempo-Nummer, die so klingt, als hätte man sie 1981 luftgetrocknet und jetzt erst aus dem Regal geholt. Der Text ist ebenfalls ein klassisches ABBA-Motiv, in diesem Fall mit einer “Ich hab’s verkackt”-Message.

Foto: Ludvig Andersson

Manche der älteren Texte wie “The Winner Takes It All” oder “One Of Us” haben mich damals echt abgeholt, aber sehr oft empfand ich die Lyris der Band eher als nette Staffage, weil man ja irgendwas braucht, was die Mädels zu den tollen Kompositionen singen müssen. Genau in dieser Abteilung verorte ich auch diesen Song. 

Den Abschluss liefert die “Ode To Freedom” und der Titel klingt schon so, als steht uns jetzt was Pompöses ins Haus. 

Als ich den Titel erstmals las und sah, dass das der Schluss des Albums ist, erwartete ich eigentlich so einen Acht-Minuten-Klopper oder ähnliches. Stattdessen handelt es sich aber lediglich um einen dreieinhalb Minuten langen Song, dessen Streicher am Anfang vortäuschen, dass jetzt gleich Andrea Bocelli seine Stimme erhebt. 

Die ganze Nummer wirkt auch etwas operettenhaft auf mich und gehört für mich zu einem der Schwachpunkte dieses Albums. 

Schnaufen wir jetzt also einmal kurz durch und lassen die zehn Songs Revue passieren. Ganz ehrlich: Mein erster Impuls war eine leichte Enttäuschung. Die ersten beiden Songs haben mich so unglaublich abgeholt und dieses Retro-Feeling entfacht, welches wir gerade angesichts von Wetten, Dass und TV Total ja augenscheinlich öfter verspüren. 

Ich hab das Album nach den ersten beiden Durchläufen erst einmal zwei Tage liegen lassen, bevor ich es dann nochmals hörte. Das hat dem Album – oder besser – mir gutgetan. So konnte ich meinen Kompass nochmal nachjustieren und mich auch hinterfragen, was ich überhaupt erwartet habe.

Ich bin wirklich seit den späten Siebzigern großer Anhänger dieser Band, ihre Songs sind Hymnen und die Vier allesamt Legenden. Das muss man alles mit einpreisen, wenn eine Band vierzig Jahre später plötzlich ein Comeback-Album raushaut. Es ist nämlich in den heutigen Zeiten einfach fast unmöglich, etwas zu schaffen, was neben den alten Klassikern bestehen kann. Das gilt für ABBA, aber auch generell: Wir reden alles kaputt, analysieren, debattieren, vergleichen, bewerten. Nehmt Euch mal ein altes Album von ABBA vor und legt denselben harten Maßstab an, den wir gerade an “Voyage” annehmen, weil wir es nun mal heute so gewohnt sind.

Foto: Ludvig Andersson

Wer ABBA mag und dieses Album einigermaßen neutral zu betrachten versucht, wird zu dem Schluss kommen müssen, dass die Vier es einfach immer noch können. ABBA hatten schon immer das Talent, sehr komplex und intelligent geschriebene Songs wie simple Popsongs klingen zu lassen. 

ABBA-Songs sind generell so eingängig und cheesy, dass Ihr gar nicht verhindern könnt, dass sich die Melodien in Eure Gehörgänge schleichen. Dabei ist es aber eben doch stets ganz großes Komponisten-Tennis und diese Skills blitzen auf “Voyage” mehrfach auf. Gerade die ersten beiden Veröffentlichungen und das in die Neuzeit gerettete “What A Notion” sind Perlen, die auf der “ABBA Gold”-Compilation problemlos neben all diesen Klassikern bestehen könnten, ohne auch nur eine Spur schwächer zu sein. 

Insgesamt brauchte ich ein paar Tage, um mich auf dieses Album einzustellen, bzw. um mich von den deutlich überzogenen Ansprüchen zu verabschieden, die sich da bei mir aufgebaut hatten. 

Ich habe heute einen sehr gechillten Sonntag verlebt und das Album mehrfach durchlaufen lassen, während ich gelesen und gezockt habe. Und was soll ich sagen: Es ist genau diese wohlige, kuschelige Decke, in die wir uns einwickeln und die macht, dass es sich einen Moment lang anfühlt wie früher. Früher, als noch alles gut war und man dachte, dass das größte Übel der Welt vermutlich ein aufgeschlagenes Knie sei. 

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Das Album bringt mich zurück in die späten Siebziger/frühen Achtziger und ganz ehrlich: Genau das soll neue ABBA-Musik doch machen, oder? Nichts wäre schlimmer gewesen, als wenn ABBA jetzt ein möchtegern-zeigeistiges Album mit Autotune, House-Beats und Rap-Passagen aufgenommen hätten. 

Versucht “Voyage” genau als das zu betrachten, was es ist: Ein Vermächtnis, ein Gruß aus den Achtzigern und das Versprechen, dass die Musik von ABBA immer da sein wird – für immer. 

Auf der einen Seite bin ich froh, dass ABBA ihr Denkmal nicht beschädigt haben mit diesem durchaus riskanten Unterfangen, nach 40 Jahren noch einmal durchzustarten. Auf der anderen Seite bin ich davon überzeugt, dass kein noch so schlechtes Album hätte ABBA vom Legenden-Sockel stoßen können. 

Dass es nun ein wirklich rundes Album ist, welches zwar nicht durchgängig das “Don’t Shut Me Down”-Niveau halten kann, aber unterm Strich ein typisches und daher gutes ABBA-Album ist, erfreut mein Herz und ich bin sicher, dass es sehr vielen Fans der ersten Stunde ähnlich geht. Einziger wirklicher Makel meiner Meinung nach: Der Spaß geht nur 37 Minuten, deutlich zu wenig!

ABBA haben mit “Voyage” tatsächlich nichts Neues gebracht – und irgendwie bin ich überzeugt davon, dass es die einzige Band auf dem Planeten ist, bei der das eine wirklich gute Nachricht ist. Danke an Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid für diese wunderschöne Zeitreise!

Erscheinungsdatum
5. November 2021
BAND/KÜNSTLER:IN
ABBA
ALBUM
Voyage
LABEL
Universal Music
Unsere Wertung
7.3
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
ABBA – Voyage
FAZIT
Dass es nun ein wirklich rundes Album ist, welches zwar nicht durchgängig das “Don’t Shut Me Down”-Niveau halten kann, aber unterm Strich ein typisches und daher gutes ABBA-Album ist, erfreut mein Herz und ich bin sicher, dass es sehr vielen Fans der ersten Stunde ähnlich geht. Einziger wirklicher Makel meiner Meinung nach: Der Spaß geht nur 37 Minuten, deutlich zu wenig!
INHALT/KONZEPT
6
TEXTE
6
GESANG
9
PRODUKTION
10
UMFANG
4
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Nichts Neues aus Schweden – zum Glück!
Kompositorisch teilweise nach wie vor Weltklasse.
Auch stimmlich haben es ABBA nach gut 40 Jahren Pause immer noch drauf.
NEGATIV
Eine Spielzeit von 37 Minuten ist leider ein bisschen wenig.
7.3
PUNKTE

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