Foto: Stefan Heilemann (Heilemania)

Blutengel – Erlösung – The Victory Of Light

Wieder sehr viel düsterer und voller neuer potenzieller Klassiker

Lange warten mussten Blutengel-Fans dieses Mal wirklich nicht auf ein neues Album: gerade mal vier überschaubare Monate, die zudem mit bisher drei Singles deutlich verkürzt wurden, sind seit der Veröffentlichung des 80er-Jahre-Party-Albums „Fountain Of Destiny“ vergangen und das nächste, nun wieder im besten Sinne klassische Blutengel-Album „Erlösung – The Victory Of Light“ steht in den Startlöchern. Und auch wenn man nach mehr als 20 Jahren Bandgeschichte und etlichen Alben und EPs inzwischen vorab zumindest schon mal eine grobe Vorstellung davon hat, was auf einem neuen Langspieler geboten wird, so können Fans und Hörer:innen doch nach wie vor mit einer gewissen Erwartungshaltung an ein neues Album herangehen. Schließlich haben sich die Berliner Düster-Popper innerhalb ihrer selbst gesteckten Grenzen mehr als einmal neu erfunden.

So auch dieses Mal. Nachdem sich Chris Pohl und Ulrike Goldmann auf dem letzten Album „Fountain Of Destiny“ nahezu ausschließlich damit beschäftigt haben, diverse Klassiker der 1980er Jahre in ein Blutengel-Gewand zu stecken, somit einen geistigen Nachfolger zur „Demon Of The Past“-EP präsentierten und dem Album damit quasi eine Art Sonderstatus eingeräumt haben, sind Blutengel nun wieder auf den gewohnten Pfaden unterwegs. Dieses Mal neu: Die bisher meisten deutschsprachigen Texte auf einem Blutengel-Album jemals. Wer also in den Texten der Berliner, die meist irgendwo zwischen dunkelromantisch und charmantem Kitsch rangieren, eine wie auch immer geartete Zuflucht für das eigene Gemüt sucht, wird auf „Erlösung – The Victory Of Light“ vermutlich noch mehr fündig als je zuvor. Chris Pohl, der bis auf ganz wenige Aufnahmen für die Texte verantwortlich war, hat einfach verstanden, was seine Fans von ihm erwarten – und liefert ihnen genau das. Notorische Blutengel-Hater werden hier vermutlich wieder eine unsinnige Angriffsfläche sehen. Aber mal ehrlich, Leute: Blutengel sind seit über 20 Jahren am Start und gehen seitdem ihren Weg mit unbeirrbarer Konsequenz, die allen Unkenrufen zum Trotz beeindruckend ist. Bei manchen Kommentaren, in Artikel als auch in sozialen Medien, frage ich mich, ob sich Herr Pohl in der Zwischenzeit eine Haut aus Teflon zugelegt hat. Wünschenswert wäre es.

Foto: Stefan Heilemann (Heilemania)

Zurück zum Inhalt: Einen Blumentopf für die kreativsten Texte werden Blutengel auch dieses Mal nicht bekommen. Muss auch gar nicht sein; ich persönlich erwarte von Blutengel gar nichts anderes, als dass sie die Klischees bedienen, die in der Düsterszene verbreitet (und gleichzeitig albernerweise verpönt) sind. In Grufti-Gewänder kleiden ist ok, aber bitte nicht auch noch Grufti-Texte singen? Es gibt wirklich vieles, was ich an der Gothic-Szene (oder wie auch immer man das heutzutage so nennt) nicht mehr verstehe. Aber das soll nicht das Thema sein. Blutengel stand immer für Texte, durch die sich manche getröstet und in den Arm genommen gefühlt haben, anderen ein Gefühl von verstanden werden vermittelten und wieder andere wollten schlicht und ergreifend auf Konzerten lautstark mitgröhlen und eine gute Zeit haben. All das ist auch mit „Erlösung – The Victory Of Light“ möglich. Wenngleich Songs wie das vorab ausgekoppelte „Wir sind das Licht“ aufgrund der Suizid-Thematik durchaus ernst verstanden werden können, würde ich das an dieser Stelle nicht überbewerten wollen. Auch der Tod ist seit jeher eine feste Konstante in den Texten Blutengels. Also lange Rede gar kein Sinn: Ihr bekommt auch auf dem neuen Album das, was Ihr seit jeher gewohnt seid – nur eben deutlich öfter in Deutsch vorgetragen. Passt ganz gut zum Sound, finde ich.

Apropos Sound: Insgesamt wirkt das neue Album wieder deutlich düsterer als die letzten Vorgänger. Das kann natürlich auch dem noch sehr frischen Eindruck des Partyalbums „The Fountain Of Destiny“ geschuldet sein. Wenn einem kurz zuvor noch irgendein Klassiker der 80er Jahre ins Gehör gekrabbelt ist, wirkt ein klassischer Blutengel-Track ohnehin viel düsterer. Wem das zuletzt zuuu poppig war kann sich freuen: „Erlösung – The Victory Of Light“ schallt nicht nur düsterer, sondern auch teilweise wieder bisschen härter aus den Boxen. Und doch kann man nicht so ganz leugnen, dass die 80er auch hier wieder in Spurenelementen im Sound vorhanden sind. Weiterhin kann ich mich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass Filmmusik hier und da Pate gestanden hätte. Was definitiv nicht die schlechteste Sache ist, sollte dem so gewesen sein.

Die Marschrichtung gibt eigentlich schon das Eröffnungslied „Illuminate My Soul“ vor, das mit verzerrten Samples beginnt – natürlich dürfen auch schwere Glockenschläge nicht fehlen – und sich dann in eine klassische Blutengel-Nummer mit flottem Tempo und gleichermaßen englischen und deutschen Gesang verwandelt. Die breiten Synthie-Flächen, die das Lied förmlich emporheben, wirken direkt aus der Zeit gefallen und stehen in hübschen Kontrast zu Chris dunkler Stimme und den hintergründigen Gitarren. Überhaupt haben sich Blutengel auf diesem Album einmal mehr mit Erfolg um Abwechslung bemüht. Nachfolgend ein paar Beispiele.

Foto: Stefan Heilemann (Heilemania)

We Are Not Dead“ ist eine klassische Partyhymne, begeistert durch die fast schon hektische Akustikgitarre im Mittelteil, die mit den treibenden Electro-Beats um die Wette zu laufen scheint. Diese Nummer hat definitiv das Zeug zu einem neuen Klassiker, der auf Konzerten zum Stammgast in der Setlist. Ich sehe das förmlich als finale Zugabe vor mir, wenn hunderte Kehlen brüllen: We are not dead!

Seasons“ hingegen erinnert mich ganz entfernt an das, was damals bei Cold Meat Industries veröffentlicht wurde, so was wie Arcana beispielsweise. Schwer, drückend, mit einem Schuss Neo-Folklore in den Venen. Interessante Nummer, erweitert den gewohnten Sound Blutengels um so einige neue Facetten. „I Am The Darkness“ ist nächster Party-/Konzertkracher klassischer Blutengel-Machart und der erste Gesangsbeitrag von Ulrike, die mir persönlich insgesamt ein bisschen zu kurz kommt auf diesem Album.

Erlöse mich“ fährt mit dem deutlich wahrnehmbaren Gitarrengeschrammel ein bisschen im Fahrwasser von Bands wie Eisbrecher. Oder, um mal in der Historie Chris Pohls zu bleiben: Wer Terminal Choice immer noch nachtrauert, findet in dieser Nummer möglicherweise ein Trostpflasterchen.

Wie Sand“, das vorab ausgekoppelte Solo von und mit Ulrike, gehört auch klar zu den größten Highlights dieses Albums. Zunächst empfand ich den als ein bisschen kitschig, inzwischen betrachte ich es als eine richtig, richtig gute Synth-Pop-Nummer, bei der Ulrike einmal mehr zeigt was sie kann. Gerne mehr davon!

Darkness Awaits Us“ tönt ein bisschen wie eine Europop-Nummer der 1980er, geht aber direkt ins Ohr und bleibt einfach da drin. Ein wunderbarer Ohrwurm, wie er vermutlich nur von Blutengel kommen kann. „We Fall“ flirtet als Downtempo-Nummer mit hohem Akutistikgitarrenanteil ebenfalls mit dem schillerndsten Jahrzehnt der Musikgeschichte und macht in seiner Funktion als Ballade eine ziemlich gute Figur. Und der finale Track „Hand in Hand“ ist ebenfalls eine Ballade – allerdings eine in nahezu epischem Breitbildformat und somit ein mehr als gelungener Ausstieg aus einem einmal mehr höchst unterhaltsamen Blutengel-Album.

„Erlösung – The Victory Of Light“ wird von Blutengels Haus- und Hoflabel Out Of Line mit einigem Tamtam begleitet. Drei Singles vorab, Sonderausgaben des Albums, die bis hin zur Kassette in jeder denkbaren Darreichungsform angeboten werden, Artwork von Stefan Heilemann (Heilemania, machte u. a. schon das Artwork für Lindemann, Nightwish, ASP oder In Strict Confidence) – offenbar verspricht man sich sehr viel von dem neuen Blutengel-Album. Und soll ich Euch was verraten? Mit Recht! Einmal mehr liefern die Berliner ein wahres Feuerwerk höchst unterhaltsamer Düster-Pop-Mucke, die sowohl in den eigenen vier Wänden auch auf Konzerten (wenn sie denn wieder stattfinden) eine gute Figur machen dürften. Für Fans liefert „Erlösung – The Victory Of Light“ jede Menge neuer, potenzieller Klassiker, für alle anderen ist es ein wunderbares, dunkelromantisches Pop-Album mit diversen Ohrwürmern, mit dem man viel Spaß haben kann.

Erscheinungsdatum
16. Juli 2021
BAND/KÜNSTLER:IN
Blutengel
ALBUM
Erlösung - The Victory Of Light
LABEL
Out Of Line
Unsere Wertung
8.4
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Blutengel – Erlösung – The Victory Of Light
FAZIT
Einmal mehr liefern die Berliner ein wahres Feuerwerk höchst unterhaltsamer Düster-Pop-Mucke, die sowohl in den eigenen vier Wänden auch auf Konzerten (wenn sie denn wieder stattfinden) eine gute Figur machen dürften. Für Fans liefert „Erlösung - The Victory Of Light“ jede Menge neuer, potenzieller Klassiker, für alle anderen ist es ein wunderbares, dunkelromantisches Pop-Album mit diversen Ohrwürmern, mit dem man viel Spaß haben kann.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
7
GESANG
8.5
PRODUKTION
9
UMFANG
9.5
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Viele neue potenzielle Klassiker.
Wieder "klassisches" Blutengel-Album.
Sehr um Abwechslung bemüht, gleichzeitig auch wieder düsterer als zuletzt.
NEGATIV
Ulrike kommt ein bisschen zu kurz auf diesem Album.
8.4
PUNKTE