Foto: ME REX

ME REX – MEGABEAR

Ein Album ohne Anfang, ohne Ende und mit nahezu unendlichen Kombinationsmöglichkeiten

Und es gibt sie eben doch immer wieder noch, die Künstler:innen und Bands, die mit frischen Ideen und Konzepten um die Ecke kommen. Anfang Juni hatte ich an dieser Stelle das Vergnügen, Euch von den britischen Newcomern ME REX zu erzählen, die mit ihrem Album „MEGABEAR“ ziemlich unverbrauchte Wege beschreiten möchten. Genau genommen hatten sie nicht weniger im Sinn, als eine Art unendliches Album zu erschaffen, dessen Elemente sich immer wieder wahllos neu zusammenstellen lassen und dadurch immer wieder ein neues (und prinzipiell wirklich endloses) Hörvergnügen ermöglichen. Zumindest digital liegt das Album inzwischen vor und es nun an der Zeit zu prüfen, wie gut den jungen Leuten aus dem Süden Londons dieses sehr ambitionierte Unterfangen gelungen ist.

Um Euch noch einmal kurz ins Boot zu holen: Die Band ME REX besteht aus dem Songwriter Myles McCabe, der gemeinsam mit seinen Mitstreiter:innen Kathryn Woods (Gitarre/Gesang), Phoebe Cross (Schlagzeug/Gesang) und Rich Mandell (Bass/Keys/Gesang) Themen wie Sucht und Genesung beackert. Die Inspiration zu „MEGABEAR“ soll ihnen der alchemistische Text „Splendour Solis“ von Saloman Trismosin geliefert haben – und der Auslöser dafür gewesen sein, dass ME REX die Konzepte klassischer Songschreiberei oder Albumproduktion über Bord warfen und etwas anderes probierten. Etwas, das dem Streaming-Zeitalter mit immer kürzerer Aufmerksamkeitsspannen und veränderter Hörgewohnheiten von Konsument:innen Tribut zollen soll.

Das Ergebnis besteht aus 52 Segmenten. Warum Segmente? Nun, weil der Begriff „Song“ für einen Track von 30 Sekunden nicht so recht passen will. Aber genau daraus besteht „MEGABEAR“ zum allergrößten Teil: 52 dieser sogenannten Segmente, meist um die 32 Sekunden lang, im 4/4 Takt und der Tonart B erschaffen. Dabei sind die Segmente so konzipiert, dass Anfang und Ende jeweils nahtlos zum nachfolgenden bzw. vorhergehenden Song passen und sich somit ein nahtloser Übergang von einem Song zum nächsten ergibt. Dieses Album ist darauf ausgelegt, via Shuffle-Funktion gehört zu werden. Dass das eine ganze Menge möglicher Kombinationen ergibt, liegt auf der Hand. „Die genaue Zahl ist eine 8 mit 67 Nullen dahinter“, erklärt dazu Myles McCabe, der das offenbar mal ausgerechnet hat. Da ich mir so eine Zahl nicht einmal vorstellen kann, glaube ich ihm das an dieser Stelle einfach mal. Weiterhin erklärt McCabe hinsichtlich der ungewöhnlichen Herangehensweise: „Ich wollte einen Song schreiben, der etwa 30 Minuten lang ist, einfach als Herausforderung. Einerseits um zu sehen, ob ich es schaffe, andererseits um die traditionelle Vorstellung von Songs und Alben basierend auf alten Aufnahmeformaten zu hinterfragen, die im Zeitalter von Streaming nicht unbedingt Sinn machen.

Musikalisch sind diese Segmente irgendwo im weiten Feld von Indie Pop/Rock zuhause. Manchmal erinnern sich mich ein bisschen an so was wie Jimmy Eat World, manchmal ein bisschen an Maximo Park. Viel Klavier dabei, emotionaler Gesang – mit Betonung auf Emo – bisschen Gitarre und Anflüge zarter elektronischer Spielereien hier und da. Einzeln betrachtet sind die Segmente kaum etwas, weswegen man Arme wedelnd durch die Botanik rennen und deren Genialität anpreisen würde. Das ist aber bei der Kürze der Segmente, bei deren beinahe schon flüchtiger Natur, auch kaum anders zu erwarten. Auch sollte nicht erwartet werden, dass sich die einzelnen Segmente unterscheiden wie Tag und Nacht. Die Unterschiede liegen meist in Details und natürlich in den Texten.

Dafür funktioniert die zufällige Wiedergabe. Das Konzept geht meines Erachtens total gut auf. Im besten denkbaren Sinne: Man kann viel Zeit mit diesem Album verbringen, ohne dass man sich bewusst damit beschäftigen müsste. Immer wieder bleibt das Ohr an diesem oder jenem hängen und schon driften die Gedanken ob der gefälligen Beschallung wieder ab – und schwupps, ehe man es sich versieht, sind schon wieder drei Stunden vergangen. Und ME REX tüdeln immer noch. Und das bei einer reinen Spielzeit von, würde man schlicht vom ersten bis zum letzten Segment durchhören, gerade einmal 32 Minuten.

ME REX haben sich für „MEGABEAR“ aber noch eine weitere coole Sache ausgedacht. Die physische Variante des Albums, die erst im August auf den Markt kommen wird, wird neben dem Tonträger ein Kartenspiel beinhalten. 52 Karten sind enthalten, alle individuell und sehr schön gestaltet. Das heißt also, Ihr könnt Euch ähnlich wie beim Tarot die Karten legen – und Eure Fähigkeiten beim Kartenmischen die Reihenfolge der Songs bestimmen lassen. Das, liebe Leute, nenne ich tatsächlich mal innovativ!

Bisher war nämlich der Eindruck, dass ME REX zwar ein spannendes Konzept haben, das noch nicht breitgetreten wurde bis zum geht nicht mehr, aber soooooo hundertprozentig neu dann doch nicht ist. Ein bisschen erinnert das Spiel mit dem Zufall nämlich an den US-Komponisten John Cage, der schon in den 1950er Jahren mit seiner „Music of Changes“ dieses Prinzip aufgegriffen hatte. Allerdings muss man ME REX zugute halten, dass Cage eher an Tönen und Klängen interessiert war und sich nicht allzu sehr mit Inhalten beschäftigt hat.

Übrigens: Auch zu dieser Kartengeschichte weiß Mr. McCabe etwas zu Protokoll zu geben: „Einen Teil der Inspiration für den Inhalt des Albums kommt von der Idee, Alchemie als Metapher für den Prozess der Selbstfindung zu verwenden. Ich habe mich mit dem Buch „Splendour Solis“ auseinandergesetzt, das Bilder und Symbole nutzt, um den geheimen Code der Schritte zu erstellen, um Blei in Gold umzuwandeln. Und so kam mir die Idee, neben dem Album auch ein Buch daraus zu machen. Da sich ein Buch nicht ohne festgelegte Reihenfolge binden lässt, entstand die Idee des Kartenspiels. Erst an diesem Punkt wurden mir die Parallelen zu Tarot-Karten bewusst – bei ihnen geht es auch um den Prozess der Selbstfindung“. Für diejenigen unter Euch, denen es digital reicht – ME REX haben eine schnuckelige Webseite (Link: www.megabear.co.uk) zum Album geschaffen, auf dem ihr das komplette Werk hören und die Karten bestaunen könnt. Nahezu unendliche Möglichkeiten in nahezu unendlichen Kombinationen – mehr kann man von einem Debüt wirklich nicht verlangen.

Die gebotene Musik ist es gar nicht mal so sehr, die mich an „MEGABEAR“ begeistert. Wäre das ein Album in klassischer Form, sagen wir mit 10 bis 12 Songs von jeweils drei bis fünf Minuten länge müsste ich die jeweiligen Segmente nochmal sehr genau unter die Lupe nehmen, um hier potentielle Hits ausfindig zu machen. Nee, musikalisch wandelt die Band auf Pfaden, die sehr vertraut sind und das ist auch okay so. Sie haben durch das Konzept, dass dieses Album kein Anfang und kein Ende hat, prinzipiell endlos laufen kann und zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten bietet, kombiniert mit der Idee des Kartenspiels nun wirklich mehr als genug Geschütze aufgefahren um die Messlatte, was ein Debüt alles sein kann, ganz, ganz weit nach oben zu verschieben. Ich wünsche uns Konsument:innen, dass die unfassbare Kreativität der jungen Londoner:innen hiermit noch nicht aufgebraucht ist und der Band ganz viel Erfolg und Aufmerksamkeit, damit sie uns künftig weiterhin mit spannenden Ideen und Konzepten überraschen kann.

Erscheinungsdatum
18. Juni 2021
BAND/KÜNSTLER:IN
ME REX
ALBUM
MEGABEAR
LABEL
Big Scary Monsters
Unsere Wertung
8.9
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
ME REX – MEGABEAR
FAZIT
Nee, musikalisch wandelt die Band auf Pfaden, die sehr vertraut sind und das ist auch okay so. Sie haben durch das Konzept, dass dieses Album kein Anfang und kein Ende hat, prinzipiell endlos laufen kann und zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten bietet, kombiniert mit der Idee des Kartenspiels nun wirklich mehr als genug Geschütze aufgefahren um die Messlatte, was ein Debüt alles sein kann, ganz, ganz weit nach oben zu verschieben.
INHALT/KONZEPT
10
TEXTE
7.5
GESANG
7.5
PRODUKTION
8.5
UMFANG
10
GESAMTEINDRUCK
10
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Sensationelles Konzept, das aufgeht!
Es kann buchstäblich ein unendliches Album sein.
NEGATIV
Musikalisch nicht sooo aufregend, aber das ist angesichts des überragenden Konzepts und der erstklassigen Umsetzung durchaus zu verkraften.
8.9
PUNKTE