Foto: Sheila Rock

Alphaville – Afternoons in Utopia / The Breathtaking Blue

Zum ersten Mal überhaupt neu gemastert

Wenn man sich über Musik unterhält, dann taucht eine Frage immer wieder auf: Was war eigentlich dein erstes Album? Oder auch gerne die Abwandlung davon: Was war das erste Album, das du dir selber gekauft hast? In meinem Fall war es Alphavilles „Forever Young“. (In meinem Beitrag Betreff: Facebook Challenge „10 Alben, die deinen Musikgeschmack beeinflussten“ – meine Geschichten hinter diesen zehn Alben gehe ich dazu ein bisschen ausführlicher ein.) Es ist dies ein Album, das ich nicht nur auch heute immer noch unheimlich gerne höre. Ich halte „Forever Young“ für eines der essenziellsten Alben gleichermaßen im Bereich Synthpop als auch der gesamten 1980er Jahre. Bei diesem Album passt für mich einfach alles, von vorne bis hinten nur Kracher, null Füller und schlicht und ergreifend zeitlos. Ein Album von der Sorte, wie sie Künstler:innen und Bands wohl nur einmal im Leben gelingen. Tatsächlich sollte sich herausstellen, dass es Alphaville danach nie wieder gelungen ist, mich im gleichen Maße abzuholen und zu begeistern. Je neuer die Alben, umso weniger kann ich damit was anfangen. Andere mögen das anders sehen, zumal die Stimme von Sänger Marian Gold noch immer zu begeistern weiß. Im Mai dieses Jahres haben Alphaville die beiden Nachfolger von „Forever Young“, „Afternoons in Utopia“ und „The Breathtaking Blue“ in einer überarbeiteten Fassung wieder veröffentlicht. Und ganz gleich, wie man zur enthaltenen Mucke stehen mag – in Sachen Umfang haben Alphaville ein richtig dickes Paket geschnürt!

Remastered Versions von älteren Alben auf den Markt zu bringen, ist jetzt keine wirklich neue Sache. Das passiert ständig und sicher sehr oft auch ohne Zutun der Bands bzw. Künstler:innen. Klar, manchmal mangelt es den Interpret:innen schlicht auch einfach zu sehr an Leben, um noch irgendwas konstruktives beisteuern zu können. Im Falle von Alphavilles neu gemasterten Alben sind die Gründungsmitglieder Marian Gold und Bernhard Lloyd aber quietschfidel und haben sich daher höchst persönlich um die Betreuung des Remastering-Prozesses gekümmert. Und gerade Fans von „Afternoons in Utopia“ wird es womöglich freuen, dieses Album in einer Form zu erleben, wie sie ursprünglich gedacht war: „Bei ‚Afternoons in Utopia‘ wurde in den damals turbulenten Zeiten leider nicht genug Augenmerk auf das Mastering gelegt – sowohl auf Vinyl als auch auf CD klang das Album einfach nicht so, wie es hätte klingen können und sollen. Dieser Fehler ist jetzt behoben. Glücklicherweise wurden alle analogen Masterbänder gefunden und mit den heutigen Möglichkeiten und mit sehr viel Liebe und Geduld zum Klingen gebracht“, erklärt Bernhard Lloyd.

Tatsächlich tönt „Afternoons in Utopia“ mit hübsch klarem Sound aus den Boxen; inwiefern sich das allerdings vom Original unterscheidet, vermag ich mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht zu sagen. Macht aber auch nüscht; wenn Herr Lloyd sinngemäß sagt, damals wäre beim Mastering eher geschludert worden und erst heute hätte man den Songs die notwendige Mühe angedeihen lassen, dann betrachte ich die nun vorliegende Fassung als die gültige. Und da, wie gesagt, geht der Klang in Ordnung. „Afternoons ist ein zeitloser Ort, den wir erfanden, um weiter spielen zu können, nun, da wir ewig leben würden. Spielen als Künstler, als Spinner und als Kinder. Ich geh‘ heute noch oft da hin“, erzählte Marian Gold erst im Februar 2021 über das Album.

Leider begeistert mich das Album nicht so sehr, wie es vielleicht sollte. Es ist in meinen Ohren eben nach wie vor nur das ach so schwierige zweite Album, das einfach zu sehr im Schatten des übermächtigen Debütalbums steht. Viele Songs wirken auch heute noch unnötig bemüht auf mich, als hätten Alphaville den Erfolg des Erstlings unbedingt, auf Brechen und Biegen, überholen wollen. Das führte zu jeder Menge 1980er-Jahre-Kitsch bei dem ich mir nicht sicher bin, ob der damals funktioniert hat. Die seinerzeit ausgekoppelten Singles „Jerusalem“, „Universal Daddy“ und „Dance With Me“ sind okay. Der Rest aber nur Füllmaterial. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Alphaville damals mit „Forever Young“ ihr ganzes Pulver verschossen hatten und sich nicht die Zeit gegönnt haben, in Ruhe nachzuladen.

Unverständlich auch irgendwie, dass der stärkste Track, „Next Generation“, nur eine B-Seite von „Universal Daddy“ gewesen ist und auf dem Album gar nicht präsent war. Vor allem angesichts dessen, was Marian Gold über diesen Song zu berichten hat: „Wir haben unsere B-Seiten schon immer dazu benutzt, uns auszuprobieren und Wege zu gehen, die wir mit den Alben nicht wirklich beschreiten konnten. An die Entstehungsgeschichte von Next Generation kann ich mich noch sehr gut erinnern. Schon seit Jahren war klar, was für eine riesige Gefahr Atomkraftwerke für die Menschheit darstellten. Und nun war plötzlich der Ernstfall eingetreten. Es war einfach erschütternd zu hören, dass man die Feuerwehrleute nach der Explosion direkt ins Zentrum der Katastrophe schickte und sie buchstäblich opferte. Das war die Inspiration zu diesem Song, der bis heute zu unseren wohl politischsten Stücken zählt. Die Zeile ‚look into the eyes of the next generation‘ bringt die Message ganz unmissverständlich auf den Punkt. Das lässt sich auf so viele Probleme anwenden, vor denen die Welt auch heute steht. So wie zum Beispiel auch in Bezug auf die momentane Pandemie. Die Botschaft des Tracks lässt sich einfach nicht falsch verstehen: Es geht für die Menschheit um Leben oder Tod.“ Schön, dass der am besten gealterte Song, der erst gar nicht Bestandteil des Albums war, nun auf der Bonus Disc direkt mitgeliefert wird. Das macht das Gesamtbild etwas stimmiger.

Foto: Jim Rakete

Kommen wir zu „The Breathtaking Blue“, das durch die gelegentlichen Anflüge von Jazz und Barmusik über ein paar hübsche Einfälle verfügt, die es nicht nur abwechslungsreicher und interessanter machen als den Vorgänger, sondern überdies auch den Eindruck vermitteln, dass man hier nicht mehr zwingend dem Debüt hinterher hecheln wollte. „Wenn unser erstes Album aus dem Dreck des Hier und Jetzt entstanden war und unser Zweites zurück zu unseren Wurzeln ins Wolkenkukucksheim führte, dann war THE BREATHTAKING BLUE unser Scheißegal-Album, ein maßlos arroganter, blinder Schuss über die Schulter in die Zukunft mit dem Rücken zum Publikum“, erzählt Marian Gold.

Nun, diese Attitüde hat ein deutlich spannenderes Album geschaffen als der, wie er sagt, Ausflug ins Wolkenkukucksheim. Vor allem, weil das Album von einem Projekt begleitet wurde, was auch nach heutigen Maßstäben als gleichermaßen großspurig und spannend betrachtet werden kann: Jeden Song des Albums als Kurzfilm umsetzen. Von verschiedenen Regisseur:innen, in verschiedenen Teilen der Welt. Gedacht, gemacht. „Songlines“ heißt das Ergebnis; als Früchte dieses wahnwitzigen Unterfangens sollte der Song „Middle of the Riddle“ im Jahr 1990 unter dem Titel „Balance“ einen Oscar in der Kategorie „Best Animated Short Film“ gewinnen. Neben der Musik sind auch die Filmaufnahmen aufgepeppt worden.

Der verrückte Versuch, das ganze Album als ‚Songlines‘ verfilmen zu lassen, ist tatsächlich auf wundersame Weise geglückt. Für jeden Song einen eigenen Kurzfilm, von verschiedenen Regisseuren, über die ganz Welt verstreut – vor 35 Jahren ein Projekt, das seiner Zeit voraus war. Der Schatz der originalen 35mm Filme wurde nun gehoben, die Bänder sorgsam restauriert und digitalisiert. Endlich kann man diese Filme in voller Schönheit genießen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht“, beschreibt Bernhard Lloyd die „Songlines“, die auf einer zusätzlichen DVD dem Album beiliegen. Und die Aussage kann man direkt so stehen lassen.

Darüber hinaus hat jedes dieser beiden Alben noch eine Bonus-CD mit Remixen, B-Seiten und ähnlichen Raritäten spendiert bekommen. Die Booklets, die in Abstimmung mit den ursprünglichen Designer:innen erstellt wurden, bieten unveröffentlichte Fotos und überhaupt: Inhaltlich haben sich Alphaville wirklich viel Mühe damit gemacht, ihren Fans zwei dicke Pakete zu schnüren, die in Punkto Umfang keine Wünsche offen lassen dürfte. Die Mühe hat sich gelohnt, die Alben haben die Top 30 der Charts geknackt.

Der Zahn der Zeit mag an der Musik genagt haben, an „Afternoons in Utopia“ mehr als an „The Breathtaking Blue“. Die Themen, die Alphaville beackern, vom Kalten Krieg über Totalitarismus hin zu Vereinsamung oder Abhängigkeiten, haben jedoch nichts an Aktualität und/oder Relevanz eingebüßt. Daher bleibt es unterm Strich auch bei einer Empfehlung. In beiden Deluxe Versionen der remasterten Alben steckt eine mehr als respektable Menge Mühe und Inhalt. Alphaville-Fans, Nostalgiker:innen und/oder Sammler:innen machen definitiv nix falsch, wenn sie diese beiden Alben der eigenen Sammlung hinzufügen.