Foto: Michael Kanzler / Music Evangelists

Aesthetic Perfection – True Independent als Alternative zum Underground Mainstream?

Daniel vs. Goliath

„Independent“ oder „Alternative“ sind mittlerweile ziemlich ausgelutschte Sammelbegriffe für diverse musikalische Genre. Kein Major Label = Indie/Alternative. Und selbst ein Major Label nimmt gern kommerziell erfolgreiche sogenannte „Indie-Bands“ unter Vertrag. Eigentlich standen diese Begriffe einmal für Musik jenseits des Mainstreams und jenseits der Einflussnahme eines großen Labels. Jedoch sehen sich selbst sogenannte Indie-Label einem sehr harten Markt ausgesetzt. Dies hat zur Folge, dass auch bei einer kleineren Plattenfirma auf Verkaufszahlen geschaut werden muss. Am Ende leiden die Künstler:innen darunter. Von Jahr zu Jahr scheint es noch weniger Geld für die geleistete Arbeit zu geben. Es gibt weniger Promotion und vor allem haben die Künstler:innen weniger Rechte an der eigenen Kunst. Streamingdienste wie Spotify lassen kleinere Musiker:innen auch nicht gerade in einem Geldregen tanzen. Frei nach dem fragwürdigen FDP-Mantra: „Der Markt regelt das.“ Er regelt einen Scheiß.

Daniel Graves, der Mann hinter Aesthetic Perfection, hat diesem System schon vor Jahren den Rücken gekehrt. Er hat seinen „normalen“ Job gekündigt und ist bei seinem Label ausgestiegen. Er ging das Wagnis eines freischaffenden Vollblutmusikers ein. Die Frage war: Warum soll er als der schaffende Künstler die Rechte an seiner Kunst für zehn oder mehr Jahre abtreten und auf Geld verzichten? Dies kommt einem Kontrollverlust gleich. In Zeiten von Internet und Social Media können Künstler:innen verschiedener Kunstformen sich auch selbst vermarkten. Das birgt gewisse Risiken und ist mit einem enormen Aufwand verbunden. Gerade während der anhaltenden Pandemie samt Lockdown zeigt sich wie fragil der Beruf als freischaffende:r Künstler:in sein kann. Auch die sogenannten „kleineren“ Plattenfirmen sind davon betroffen. Wohl dem, der sich schon vorher unabhängiger gemacht hat.

Der mittlerweile nach Österreich ausgewanderte Graves kann dank Plattformen wie Patreon oder Bandcamp und seinen sehr offenen Social Media-Auftritten auf eine treue Fanbase bauen. Wenngleich der Wegfall von Konzerten finanziell nicht einfach auszugleichen ist, kann er sich in sein eigenes Studio einschließen, Musik produzieren und relativ schnell veröffentlichen. Dabei hat Graves mit Aesthetic Perfection schon vor Jahren angefangen seine Singles und EPs hauptsächlich digital und nicht mehr physisch zu veröffentlichen. Teilweise mit großem Erfolg, teilweise mit einigen Rückschlägen. Neben dem eigenen Lebensunterhalt konnte so sein letztes und hervorragendes Album „Into the Black“ finanziert werden. Nebenbei etablierte Graves die Genrebezeichnung Industrial Pop. Immer wieder arbeitet er dabei mit anderen Künstler:innen zusammen. Aesthetic Perfection wandelt als Projekt auf den künstlerischen Pfaden der Überband Nine Inch Nails. Ein Vergleich, den der Musiker nicht scheuen muss.

Sein neuestes Projekt ist der Versuch, zwölf digitale Singles in zwölf Monaten zu veröffentlichen. Am Ende des Jahres hätte er somit ein ganzes Album samt Remixen zusammen. Dies wird hauptsächlich über Patreon finanziert. Das erste Quartal 2021 bescherte uns die Singles „S E X“, „Party Monster“ und „Automaton“.

S E X“ erschien schon im Januar und schlug ein wie die sprichwörtliche Bombe. Gitarren wurden schon bei den sehr erfolgreichen Songs „Rhythm + Control (Guitar Version)“ oder „Gods And Gold“ eingesetzt. Für „S E X“ übernahm Sebastian Svalland (PAIN, In Mourning, LINDEMANN) diese Aufgabe. Entstanden ist ein wirklich krachiger Industrial Metal Track, welcher sogar in die Top Ten der iTunes Metalcharts klettern konnte. „S E X“ beginnt mit einem AP-typischen kurzen Intro und schmettert nach knapp 17 Sekunden mit brettharten Riffs los. Eine Mischung aus klaren, gefühlvollen Vocals und Growls machen den Song zu einem wirklich wilden Ritt. Dabei ist der Song ein echter Ohrwurm. In Sachen Songwriting und Produktion hat Daniel Graves damit seinen künstlerischen Fähigkeiten eine neue Dimension hinzugefügt. Eine sehr harmonische Verbindung von Industrial Pop und Metal. Kein weiterer Versuch Gitarren über einen Electrosong zu packen. Daran scheiterten schon andere. Aesthetic Perfection nicht. Wenn wir wieder zu Konzerten gehen dürfen und dabei keine Abstände einhalten müssen wird jeder Club bei diesem Song förmlich explodieren. Abgerundet wird diese Veröffentlichung mit einem Remix von Moris Blak. Dieser ist eine nicht weniger wilde Industrial/EDM-Version des Songs. Sehr tanzbar und somit nicht weniger spannend.

Im Februar erschien mit „Party Monster“ ist ein sehr emotionaler Song. Daniel verarbeitet darin seine Anfänge als Musiker. Eine Zeit voller Ausschweifungen auf und hinter der Bühne. Die Mischung aus Unsicherheit, Nervosität und Arroganz trieben den jungen Künstler zu Alkohol und Drogen. Graves bezeichnet diese Version seiner selbst als „stupid rock n’ roll cliché (you know, minus the fame and money)“. Entweder bist du Keith Moon oder Keith Richards. Daniel erkannte, dass nur er selbst für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich ist und änderte sich und sein Verhalten. Party veranstaltet Graves noch immer von Zeit zu Zeit und er war nie drogen- oder alkoholabhängig. Er hat wohl rechtzeitig die Reißleine ziehen können. Sein Fazit lautet daher: Du kannst deinen Dämonen anscheinend nicht komplett entkommen, aber du kannst dich weiterentwickeln. Das ist immer noch besser als Stillstand.

Musikalisch schlägt „Party Monster“ eine ähnliche Richtung wie „S E X“ ein. Jedoch ist der Song wesentlich melancholischer. Es ist eher eine Industrial Metal Powerballade. Daniel setzt vermehrt auf klaren und teilweise fast klagenden Gesang, welcher vor allem im Refrain wieder recht hymnisch klingt. Die Gitarren spielte diesmal Jinxx ein. Die Synthies stehen zwar im Refrain etwas mehr im Hintergrund, geben dem Song aber insgesamt eine recht poppige Note. Ergänzt wird diese Single mit einem Deadbeat Remix. Dieser hebt die elektronischen Elemente hervor und ist eine sehr tanzbare Variante.

Nicht weniger emotional ist „Automaton“. Graves wollte mit diesem Song das Gefühl von Machtlosigkeit einfangen, welches bei dem Versuch entsteht ein Leben innerhalb gesellschaftlicher Konformität zu führen. Verdiene Geld. Sammle Ansehen. Schuffte dich selbst zu Tode. Leistungsdruck und Enge. Das Coverfoto erinnert im ersten Moment an Kraftwerk, jedoch brettern auch bei „Automaton“ die Gitarren von Svalland spätestens im Refrain wild und exzessiv nach vorne. Die einzelnen Strophen sind dem Refrain gegenüber konträr arrangiert und werden von monotonen Beats und Synthies getragen. Der Song ist insgesamt eher klinisch und steril und fängt die Thematik somit musikalisch und lyrisch perfekt ein. Die Produktion und das Mixing übernahm kein geringerer als Rhys Fulber.

Aesthtetic Perfection klingen im ersten Quartal 2021 rockiger denn je. Dabei schafft Graves das Kunststück, nicht einfach einen neuen Stil zu versuchen, sondern er erweitert sein eigenes Konzept um ein neues Stilelement. Es bleibt bei Industrial Pop, nur mit etwas mehr Gitarren. Die drei Songs sind eine logische Entwicklung der letzten Jahre. Dabei ist seine Musik immer sofort als Aesthetic Perfection zu erkennen. Das schaffen so auch nicht viele Musiker:innen. Alle drei Titel haben erhebliches Hitpotenzial und heben den selbstgewählten Anspruch auf ein nicht gerade niedriges Level. Die nächsten Monate werden also spannend.