Foto: Julia Brokaw

Buzzy Lee – Spoiled Love

Spielbergs Tochter auf den Spuren von Lana Del Rey

In der Welt draußen vor meinem Fenster schneit es. Große, dicke Schneeflocken tanzen durch die eigentümlichen, orange-roten Lichtkegel, wie sie den Straßenlaternen in meiner Gegend eigen sind. Zuvor hatte es noch gewittert – ein Erlebnis, das mir bisher auch fremd gewesen war. Gewitter, Sturm und Schnee, vereint zu einem seltsamen Treiben an einem Abend im Januar. Aber ohnehin ist in diesem zweiten Corona-Jahr so vieles anders, als man es gewohnt war. Das Donnergrollen ist inzwischen dieser eigentümlichen Stille gewichen die immer dann von der Welt Besitz ergreift, wenn sich gefallener Schnee in ihr ausbreitet. Ich beobachte weiterhin die Schneeflocken, die zu einer ganz eigenen Melodie zu tanzen scheinen und frage mich, wie Musik wohl klingen mag zu denen die funkelnde Pracht sich in Bewegung versetzen würde. Sehr zart und fragil müsste es wohl sein, damit die unzähligen Eiskristalle, zu gefrorenen Blüten und Sternen geformt, nicht schon durch den Schalldruck zerspringen. Vielleicht so zart und fragil wie die Musik, die Buzzy Lee auf ihrem Debütalbum „Spoiled Love“ präsentiert? Vorstellbar ist das.

Um das schon mal zu klären: Buzzy Lee ist natürlich nicht der echte Name dieser aufstrebenden Künstlerin, die sich hier anschickt, eine ganz eigene Nische akustisch-elektronischer Musik für sich zu erobern. Tatsächlich heißt die Dame mit bürgerlichem Namen Sasha Spielberg und ist, wie Ihr vielleicht an dieser Stelle richtig vermutet, die Tochter des weltberühmten Filmemachers Steven Spielberg. Sich für einen Künstlernamen zu entscheiden, ist an dieser Stelle eine gute und richtige Entscheidung. Einerseits hätte man wohl unweigerlich wie auch immer geartete Erwartungen an die Musik der Spielberg-Tochter, wenn sie unter bürgerlichem Namen in Erscheinung tritt, andererseits würde dies vermutlich auch zu etwaigen Vorschusslorbeeren und Lobhudeleien führen, ganz gleich ob sie, wie in diesem Fall durchaus, berechtigt wären oder nicht.

Dem Album vorausgegangen war eine EP namens „Facepaint„, die bereits im April 2018 erschien. Zudem war Buzzy – im Folgenden bleibe ich aus Respekt vor der Entscheidung der Künstlerin bei ihrem Pseudonym – mit den Dirty Projectors auf Tour, spielte auf dem Pitchfork Festival sowie beim Primavera Club in Barcelona. Sie verfolgt offenbar den ganz klassischen Weg und arbeitet sich von unten die Karriereleiter hoch, ohne sich auf die sich gewiss öffnenden Türen zu verlassen, wenn Daddy Spielberg gegen diese nur anklopfen würde. Dass sie mit dem Electro-Tüftler Nicolas Jaar (u.a. „Mi Mujer„) seit vielen Jahren befreundet ist, dürfte dennoch eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. Über das nun vorliegende Album wird Buzzy Lee wie folgt zitiert:

Diese Songs begannen an der Küste von Nordkalifornien zu atmen, fuhren durch den Verkehr von Los Angeles und fanden dann ihren Weg nach Norditalien, wo ich sie mit Nico auf drei Trips, über drei verschiedene Jahreszeiten hinweg, erarbeitet und aufgenommen habe. Wir lebten im Studio und verließen es vielleicht nur ein- oder zweimal für einen Spaziergang. Dieses Album erwuchs aus einer Trennung heraus sowie aus den Jahreszeiten und in meine Hände hinein.“

Was auch immer für eine Vermutung haben mögt, wie das Album klingt – sehr wahrscheinlich werdet Ihr diese Idee über Bord werfen können, wenn Ihr das Album hört. Der Rolling Stone sagte über das musikalische Tun von Buzzy Lee beispielsweise, es sei „smarter, nachdenklicher Synth-Pop„, während Pitchfork schreibt, es läge eine „verwunschene Eleganz in Spielbergs Präsenz„. Das sind quasi so etwas wie Schroedingers Aussagen. Gleichzeitig wahr und auch nicht wahr. „Spoiled Love“ mangelt es nicht an verzückenden elektronischen Spielereien. Gleichwohl sind sie aber neben den echten, den akustischen Instrumenten so dezent platziert, dass ich mich wirklich schwer damit tue, die Musik als Synth-Pop zu bezeichnen. Ähnlich wie der Versuch, die eingangs erwähnten Schneeflocken zu fangen ist auch der Versuch, die Musik von Buzzy Lee passend zu umschreiben, zum Scheitern verurteilt. Wenn man sich schlicht mit der Aussage begnügte, es handele sich hierbei um eine kleine Sensation – ja, dann hätte man wohl einen Treffer gelandet.

Foto: Brantley Gutierrez

Das Titelstück, mit dem das leider nur neun Songs umfassende Album eröffnet wird, schwingt mit schwermütigem Klavierspiel in den Raum, über dem Buzzys engelsgleicher Gesang schwebt wie eine kleine Feder, die langsam zu Boden gleitet. Verschiedentlich wurden bereits Vergleiche zu Kate Bush, zu Haim oder auch zu Lykke Li gezogen. Und gerade der Vergleich zu Kate Bush ist, wenn man denn unbedingt vergleichen möchte, einigermaßen treffend. Ein bisschen muss ich auch an das Tun von Kyla La Grange denken, wenn auch dieses Werk hier ungleich weniger poppig ausgefallen ist. Dass sich hinter dem zarten, zerbrechlich wirkenden Gesang noch sehr viel mehr Stimmgewalt verbirgt, macht sich gegen Ende des Songs als vage Ahnung bemerkbar, wird aber nicht mehr als das.

But who am i
To be washed
To be hung out and dried
You

But who am I
To beat
And punish you too
You

Now who am I
To appoint
You as guilty as men
You

singt Buzzy in diesem Stück. Die restlichen Texte schlagen einen ähnlichen Ton an. Schneeflocken rieseln gegen die Scheiben meiner Fenster, verweilen dort eine kurze Weile und rinnen dann, geschmolzen zu den Regentropfen aus denen sie entstanden, daran herab. Eine kurze Begegnung. So zerbrechlich, so vergänglich, so flüchtig wirkt auch die Musik dieses Albums. Neulich sah ich eine Doku über ein Eishotel in Jukkasjärvi, ungefähr 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Nur eine kurze Weile können gut betuchte und einigermaßen kälteresistente Tourist:innen in diesem Hotel übernachten, ehe die Räumlichkeiten und alle Möbel, Skulpturen und dergleichen wieder in den Fluss zurückfließen, aus dem sie geschnitzt worden sind. Die Gefahr, dass sich „Spoiled Love“ irgendwo im Äther verschwindet, nachdem man es gehört hat, besteht natürlich nicht, dennoch: dieser irrationale Eindruck kann schnell entstehen. Was letztlich die Besonderheit dieses Kleinods von einem Album nur unterstreicht.

Ein bisschen schneller, wenn man es denn so nennen möchte, wird es in dem stampfenden, herausragend konstruierten „Strange Town„. Für Verhältnisse dieses Albums beinahe eine Up-Tempo-Nummer. Das bereits vorab ausgekoppelte „What Has A Man Done“ erinnert mich ein bisschen an die schwedischen Synth-Pop-Kolleg:innen Little Dragon, deren Schaffen zwar auch gerne als eben das – Synth-Pop – umschrieben wird, sich aber letztlich genauso einer deutlichen Schublade entzieht. Allerspätestens an diesem Punkt des Albums sollte aufgefallen sein, wie sehr auf den Punkt jede einzelne Note, jeder einzelne Ton, und sei er noch so hintergründig und dezent eingeflochten, in den Songs platziert wurde. Wie ein Farbtupfer auf einem weißen Blatt Papier. Oder Schneeglöckchen, die ihre Blüten durch die Schneedecke schieben. Hörer:innen, die Spaß daran haben, über Kopfhörer in Musik abzutauchen und sich an zahlreichen Details zu erfreuen, werden mit „Spoiled Love“ zusätzlich viel Spaß haben.

Die synth-poppigste Nummer des Albums dürfte „High On You“ sein. Aber lasst Euch davon nicht täuschen, Freunde – Synthie-Flächen aus den 80ern und im Vergleich zum Rest wieder etwas gehobeneres Tempo machen noch keinen Tanzflächenfüller aus. Das dürfte Buzzy Lee aber auch kaum im Sinn gehabt haben, als sie und Nicolas Jaar dieses Album schufen. Eine Situation wie die eingangs erwähnte wird dem Album wesentlich gerechter. Kopfhörer auf und möglichst wenig Ablenkung vom Sound, der sich dann in den Gehörgängen ausbreitet und eine wahre Fülle an Bildern, Gedanken und Emotionen vor den Hörenden ausbreitet. Man möchte sie alle festhalten, aber die meisten sind wieder verschwunden, wenn der letzte Ton des 35 Minuten andauernden Hörvergnügens verklungen ist. Manche von ihnen sind anschließend vielleicht wieder für immer verschwunden. So wie der Schnee, wenn er von der Sonne geküsst wurde. „Spoiled Love“ aber ist noch da. Es braucht nur ein Klick auf den Play-Button und schon beginnt diese einzigartige Reise erneut.

Eigentlich hätte „Spoiled Love“ schon gegen Ende des letzten Jahres erscheinen sollen, ist aber ganz offensichtlich aus mir unbekannten Gründen verschoben worden. Ein Glücksfall, möchte ich sagen, denn so hat das noch junge Jahr 2021 bereits das erste musikalische Highlight vorzuweisen. In einer Zeit, in der diese Corona-Pandemie immer schlimmer wird, wo überhaupt irgendwie alles einen Zustand zu erreichen scheint, der mit „fucked up“ ganz gut umschrieben ist, in einer solchen Zeit ist Musik, die die Seele beruhigt, die den Gedanken Raum zur Entfaltung jenseits aller Sorgen bietet, mehr als willkommen. „Spoiled Love“, großartig komponiert, arrangiert und produziert, ist mit großer Sorgfalt, mit viel Liebe zum Detail und jeder Menge Herzblut entstanden und möchte in ruhigen Momenten gehört werden. Es erfordert Aufmerksamkeit, andernfalls würden vermutlich zu viele Details unterwegs verloren gehen. Und das wäre höchst bedauerlich, schließlich lädt „Spoiled Love“ zum Entdecken ein – und bietet genug, um sich immer wieder darauf einzulassen. Ich hatte mir doch zu Beginn dieses Artikels eine Frage gestellt, erinnert Ihr Euch noch? Nun habe ich meine Antwort darauf: Buzzy Lee macht auf „Spoiled Love“ Musik, zu der Schneeflocken tanzen würden. Genauso schön, genauso zerbrechlich, genauso flüchtig.

Erscheinungsdatum
29. Januar 2021
BAND/KÜNSTLER:IN
Buzzy Lee
ALBUM
Spoiled Love
LABEL
Future Classic
Unsere Wertung
9
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Buzzy Lee – Spoiled Love
FAZIT
In einer Zeit, in der diese Corona-Pandemie immer schlimmer wird, wo überhaupt irgendwie alles einen Zustand zu erreichen scheint, der mit "fucked up" ganz gut umschrieben ist, in einer solchen Zeit ist Musik, die die Seele beruhigt, die den Gedanken Raum zur Entfaltung jenseits aller Sorgen bietet, mehr als willkommen. "Spoiled Love", großartig komponiert, arrangiert und produziert, ist mit großer Sorgfalt, mit viel Liebe zum Detail und jeder Menge Herzblut entstanden und möchte in ruhigen Momenten gehört werden. Es erfordert Aufmerksamkeit, andernfalls würden vermutlich zu viele Details unterwegs verloren gehen. Und das wäre höchst bedauerlich, schließlich lädt "Spoiled Love" zum Entdecken ein - und bietet genug, um sich immer wieder darauf einzulassen.
INHALT/KONZEPT
8.5
TEXTE
9
GESANG
9
PRODUKTION
9
UMFANG
9
GESAMTEINDRUCK
9.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Wahnsinnig zerbrechlich und flüchtig wirkende Songs von ergreifender Schönheit.
Sesationell produziert, mit viel Liebe zum Detail umgesetzt.
Schon jetzt ein ganz heißer "Album des Jahres"-Kandidat!
NEGATIV
35 Minuten Spielzeit verteilt auf neun Songs ist ein bisschen zu wenig - gerne hätte ich mehr Zeit mit diesem Album verbracht.
9
PUNKTE