Foto: Roman Jasiek / Music Evangelists

Mesh – Looking Skyward

"Wir haben uns mit diesem Album selbst so sehr nach vorne getrieben, wie wir nur konnten. Wir haben das Album gemacht, was wir selbst hören wollten, und die Musik, die wir lieben"

Gefühlt werden es jeden Tag weniger Dinge, die man auf dieser Welt noch als gesichert hinnehmen kann. Das, was gestern noch gültig war, kann morgen schon keinen Bestand oder Wert mehr haben. In diesen in jeder Hinsicht unsicheren Zeiten ist es schön, wenn man sich aktuell noch auf ein paar Dinge verlassen kann. So wie zum Beispiel auf die Tatsache, dass jede Nacht die Sterne über uns leuchten und uns so dazu verführen, den Himmel zu betrachten und – je nach Gusto – zu träumen, zu hoffen oder zu beten. Oder dass wir uns alle drei bis vier Jahre auf ein neues Album von Mesh freuen können und die Zeiten dazwischen gefüllt sind mit Singles, EPs und vor allem auch Konzerten. Nach ihrem 2013er Knülleralbum „Automation Baby“, das es immerhin bis auf Platz 33 der Charts geschafft hat, melden sich die Herren Richard Silverthorn und Mark Hockings nun mit ihrem neuen Album „Looking Skyward“ zurück. Nach einem so gelungenen Album ist die Spannung natürlich groß, ob das Duo das hohe Niveau halten kann. Eine Frage, die eigentlich keine ist. Wir reden schließlich von Mesh, natürlich können sie. Beständigkeit und so. Sie selbst sagten im Vorfeld: „Wir haben uns mit diesem Album selbst so sehr nach vorne getrieben, wie wir nur konnten. Wir haben das Album gemacht, was wir selbst hören wollten, und die Musik, die wir lieben. Wir glauben hier ein Album geschaffen zu haben, dass Ihr alle für viele Jahre mögen und hören werdet“. Ich könnte die Sache an dieser Stelle abkürzen und direkt zum Fazit übergehen. Mission mit Bravour erfüllt. Aber das wäre mir dann doch ein bisschen zu einfach. Werte Lesende, es ist mir ein großes Vergnügen, Ihnen nachfolgend „Looking Skyward“ vorstellen zu dürfen. Fangen wir an.

Mit „Kill Your Darlings“ lieferten Mesh den ersten amtlichen Vorboten ihres neuen Albums „Looking Skyward“. Ein großartiger Song, gar keine Frage, aber das sollten wir direkt zum Einstieg mal festhalten: stellvertretend für das, was Euch auf „Looking Skyward“ erwartet, ist er nicht so richtig. Viel mehr ist es so, dass die Nummer eher aus dem Rahmen fällt. Mit den dominierenden Gitarren, den stampfenden Rhythmen und dem generell eher angehobenen Tempo ist „Kill Your Darlings“ quasi so etwas wie eine Spitze von Wellenbergen, die in Form dieses Albums angerollt kommen. Die B-Seite „Paper Thin“ gewährte da einen wesentlich treffenderen Eindruck. Erstaunlich ruhig, gleichzeitig im Sound aber ganz klassisch eröffnen die Herren Silverthorn und Hockings das Album mit „My Protector“. Synthie-Pop vom Feinsten und direkt zum Start ein Ohrwurm. Nachfolgend bleibt es gar noch ruhiger. Mit „Tactile“ folgt direkt eine herzerwärmende Ballade. Schon irgendwie eine eher ungewöhnliche Vorgehensweise, die Trackliste eines Albums so aufzustellen. Kein Wunder, dass mir ein Bild von Wellen durch den Kopf geht. Mit „The Last One Standing“ jedoch gewinnen sie deutlich an Höhe. Meine Güte, was für ein Ohrwurm/Brett/Tanzflächenfüller/Festivalknüller/[hier Superlativ nach Wahl einfügen]! Dass Mesh Songs schreiben können, bei denen man quasi direkt nach dem ersten Hören hochgradig süchtig ist, weiß man inzwischen. Aber das hier…das ist eine ganz neue Qualität musikalischer Drogen. Boah! Die Wellen steigen aber noch an. „The Traps We Made“ ist schon wieder eine Ballade, jedoch dieses Mal mit deutlich mehr Power. Fetzig hier auch: das Klaviergeklimper im Hintergrund, die flächigen Synthies, die vielen Klangspielereien. Das ist es wohl was sie meinten, als Mesh sagten, das neue Album böte viel Atmosphäre und Samples. Für mich sind die beiden genannten zwei der stärksten Songs, die Mesh in ihrer langen Karriere je gemacht haben. Sensationell!

Es folgt „Kill Your Darlings“ und dann, quasi als Wellenbrecher, das anderthalbminütige Instrumentalstück „Iris“. Und dann steigt der Pegel wieder an. „Runaway“ versprüht ein bisschen Euro-Disco-Charme, „Before This World Ends“ ist ein richtiger „wir halten uns beim Konzert alle in den Armen, schwenken Feuerzeuge und sind gemeinsam ergriffen“-Song, „Two+1“ hingegen wirkt erstaunlich düster. „The Ride“ kommt dem Namen entsprechend mit in flottem Tempo daher, steckt abermals voller Samples und ist mit „Kill Your Darlings“ wohl das treibendste Stück dieses Albums. Der obligatorische Kloß-im-Hals-Song darf auch auf „Looking Skyward“ nicht fehlen. „There Must Be A Way“ heißt er und wird vor allem einsamen Herzen einige Beklemmungen bescheren. Ob man Mark Hockings’ Gesang hierfür so verfremden musste, sei mal dahingestellt. Mit „The Fixer“ unternehmen Mesh einen Ausflug in Gefilde, die man anderswo mit FuturePop umschrieben hätte. Ehrlich, es zuckt immer so im Bewegungsapparat, wenn die Nummer läuft. Sie schreit förmlich nach Tanzen und Ausrasten. „Once Surrounded“ leitet den Feierabend dieses Albums ein. Erstaunlich schwer mit den hier wieder sehr dominanten, sehr drückenden Gitarren. Anstatt uns also mit einer zuckersüßen Ballade oder einer federleichten Pop-Nummer zu entlassen, tun Mesh es mit einem ziemlichen Brett. Überraschend, ja, aber eben auch konsequent für ein Album, dem es an Überraschungen nicht mangelt. Dass all diese tollen Songs entsprechend druckvoll und doch differenziert aus den Boxen tönen, ist nicht einzig und alleine der Verdienst von Mesh. Es wird wohl auch zu einem nicht unwesentlichen Teil an ihrem Produzenten Olaf Wollschläger gelegen haben, der einmal mehr sein goldenes Händchen an die Produktion eines Mesh-Tonträgers anlegte. Der Mann versteht sein Handwerk.

Neben der stets eingängigen und gefälligen Musik, die im Prinzip aus so gut wie jedem Song der Bristoler einen Ohrwurm macht, sind es auch immer wieder die Texte, die gefallen. Manchmal bieten sie Identifikationspotential, weil man sich irgendwie verstanden fühlt, manchmal sind sie Ausgangspunkt für Gedankenspiele und Überlegungen. Nehmen wir mal als Beispiel den Opener „My Protector“. Im Refrain heißt es dort: You’re My Protector, My Home / I’m Nothing Without You / You’re My Deflector, I Know / That Nothing Can Get Through / You Feel The Feelings For Me / So I Don’t Have To Face The Things I Do. Ihr kennt sicher auch diese Energievampire, die vor allem in Beziehungskisten alle Kraft aussaugen. Die sich hinter einem positionieren und vor denen man steht wie ein Schutzschild, manchmal bewusst, manchmal unbewusst und manchmal wider besseren Wissens. Und ungeachtet dessen, was vielleicht gerade wieder verbockt wurde. Der hier erwähnte Beschützer könnte natürlich auch eine höhere Macht sein. So mancher ruft schließlich seinen Gott an, speziell dann, wenn das Leben übel mitspielt. Alles denkbar. Aber kann es nicht auch sein, dass Mesh sich hier nicht viel eher der dissoziativer Persönlichkeitsstörungen widmen? Gespaltene Persönlichkeiten und so? Im Sinne von: es wohnen zwei Seelen in meiner Brust, die eine verzapft den Blödsinn, die andere badet es aus und doch hat der dominantere Teil stets die bequeme Möglichkeit, sich hinter der anderen zu verstecken? So I Don’t Have To Face The Things I Do? Nur so eine Überlegung.

Anderes Beispiel: „The Traps We Made“. In dieser großartigen Ballade heißt es: „Every Time We Fall Into The Traps We Made / For Ourselves / Every Time We Fall Into The Traps We Made / Four Ourselves, When We Were Young“. Entscheidungen, die man früher getroffen hat, kommen manchmal zurück wie ein Bumerang. Während man dem Pfad folgt, den das Leben vorgibt, ballert einem das Ding manchmal unvermittelt gegen die Birne und macht klar: nee, Sportsfreund:in, der Weg den du hier glaubst frei zu beschreiten, der ist längst definiert. Die Fallen und Stolpersteine, die da manches Mal im Weg liegen, hast du dir oft genug in der Vergangenheit selbst vorbereitet. Jammern nützt dann auch nix mehr. Eher: Hinfallen, aufstehen, weitermachen. Dazu passt auch „Two+1“, das die Frage aufwirft, was ist denn wohl sein mag, was eine (zwischenmenschliche) Beziehung vergiftet. Den Knüller in Sachen Identifikationspotential liefern Mesh jedoch zum Schluss. You Watch As The Years Go Slipping By / No Amount Of Drugs Could Give You Such A High / The Longest Lessons Done / And What Did You Learn? Und weiter: Once Surrounded But Now They’re Gone / Sing Your Part In Your Final Song / Once You Counted But That’s The Thanks You Get / Lock The Door Go To Bed. Jeder, der sich gerade irgendwo im Alter zwischen 30 und 40 befindet und beobachten muss, während immer mehr Freunde/Bekannte/Verwandte im gleichen Alter sesshaft werden, Familien gründen oder dies bereits getan haben und zumindest scheinbar glücklich sind mit dem was ist, wird das Gefühl sicher kennen, irgendwie nie so richtig im Leben angekommen zu sein. Weil eben immer irgendwas anderes wichtig war. Weil man sich in seiner Jugend vielleicht die ein oder andere Falle gestellt hat und jetzt wie ein Käfer auf dem Rücken strampelt, dort wieder hinauszukommen. Immerhin: so sieht man auch den Himmel. Tja, oder vielleicht weil man einfach daran gescheitert ist, irgendwann erwachsen zu werden. Aber hey… Just Stay Young…

Überhaupt ist „Looking Skyward“ randvoll mit Fragen und Gedanken die einem zum Beispiel dann durch den Kopf gehen, wenn man irgendwo unter freiem Himmel hockt und die Unendlichkeit, die sich da über einem ausbreitet, betrachtet. Und sich dabei unendlich klein und unbedeutend fühlt. Freilich, ohne auch nur eine Antwort zu liefern. Das kann auch nicht das Anliegen von Mesh sein. Wenn der Rahmen passt – bedingt durch die eigene Situation oder Stimmung – dann ist „Looking Skyward“ einmal mehr ein Album, um inspiriert von den Texten Denkanstöße zu bekommen. In einigen Momenten ist es tröstender Begleiter, in anderen eine Partygranate. Bis oben hin voll mit Songs, die bei Konzerten abgefeiert werden können. Und neben all dem ist es ein unheimlich gutes Synthie-Pop-Album. Ganz zweifelsfrei eines der besten dieses Jahres. Und auch das hat etwas mit Beständigkeit zu tun.

Das Album nimmt Dich mit auf eine Reise aus Energie und Emotion vor einem sich veränderten Klangbild aus Elektronik, treibenden Rhythmen, viel Atmosphäre, Samples … und Lärm“ – Zitat Mesh in der Vorankündigung, was mit „Looking Skyward“ zu erwarten ist. Wem das Sorgenfalten auf die Stirn treibt: keine Sorge, auch nach einem guten Vierteljahrhundert ist immer noch Mesh drin, wo auch Mesh drauf steht. Will sagen: unfassbar schöne Songs mit so eingängigen Melodien, dass es wirklich schwer fällt, mal wieder was anderes zu hören. Es empfiehlt sich mit Nachdruck als ständiger Begleiter. Dem Titel des Albums entsprechend können wir uns unter den Nachthimmel setzen und die Sterne beobachten. Looking skyward eben. Wir sehen alle das gleiche, wir hören alle das gleiche, mit ein bisschen Glück fühlen wir alle das gleiche. Hinterfragend, zweifelnd, betend, hoffend, träumend. Jeder für sich und doch irgendwie alle zusammen. Eine schöne Vorstellung. Won’t we all be forgotten by tomorrow anyway? Mag sein. Bis dahin sollte aber nur der Himmel die Grenze sein. Danke, Mesh, für dieses Album.

Erscheinungsdatum
26. August 2016
BAND/KÜNSTLER:IN
Mesh
ALBUM
Looking Skyward
LABEL
Dependent Records
Unsere Wertung
8.5
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Mesh – Looking Skyward
FAZIT
In einigen Momenten ist es tröstender Begleiter, in anderen eine Partygranate. Bis oben hin voll mit Songs, die bei Konzerten abgefeiert werden können. Und neben all dem ist es ein unheimlich gutes Synthie-Pop-Album. Ganz zweifelsfrei eines der besten dieses Jahres.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8.5
GESANG
9
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Einmal mehr voller neuer, potenzieller Immergrüne.
Wie so oft sind die Balladen ganz große Nummern!
NEGATIV
8.5
PUNKTE

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