Foto: Joseph Cultice / PIAS

Garbage – Strange Little Birds

Seit 1995 der beste Grund in die Musik von Garbage verknallt zu sein

Mehr als 20 Jahre gibt es Garbage nun schon – und dennoch: zu den in punkto Veröffentlichungen eifrigsten Bands gehörten Shirley Manson, Butch Vig, Duke Erikson und Steve Marker noch nie. Alle paar Jubeljahre mal ein Album; gerade häufig genug, um nicht gänzlich vom Radar derer zu verschwinden, die sich für Alternative Rock begeistern können. Andererseits hat es die Band in frühen Tagen geschafft, gerade mit ihren ersten beiden Alben ein paar unsterbliche Klassiker zu zimmern, die sie trotz der in Summe überschaubaren Veröffentlichungen immer irgendwie präsent bleiben ließen. Keine anständige Rockparty ohne „Only Happy When It Rains“ oder „Stupid Girl“. Innerhalb des Genres, in dem sich Garbage bewegen, sind sie noch mal ein Thema für sich. Die exzessiven Spielereien mit Loops und Samples dürften daran einen nicht unerheblichen Anteil haben, dass Garbage immer irgendwie zwischen all den anderen Bands ähnlicher Geschmacksrichtung herausragten. Lockere vier Jahre nach dem letzten Album „Not Your Kind Of People“, das schon wieder einen anständigen Ausflug in poppigere Gefilde unternahm, ist nun das sechste Studioalbum verfügbar. „Strange Little Birds“ heißt es und es stellt sich die Frage: wohin seid Ihr gegangen, Garbage?

Die Antwort auf die Frage ist einfach und kann direkt zu Beginn geliefert werden: zurück zum Start. „Strange Little Birds“ ist das Album, das sich mehr nach jenen frühen Tagen des Debütalbums „Garbage“ anfühlt, als jedes andere bisher zuvor. Bei Nostalgikern und „Früher-war-alles-besser“-Vertretern dürften also schon per se leuchtende Augen vorprogrammiert sein. Die Arbeiten am neuen Album begannen im Frühjahr 2013. Die Band traf sich in Los Angeles im Studio von Butch Vig. Nur, dass es eben kein klassisches Studio war, sondern Vigs Keller. Er sagt: „Mein Home-Studio ist nur ein Raum, wo ich mir Spiele der Packers anschaue. Es gibt keine Lärmisolierung, nur vier Wände aus Gipskarton. Daher hat es eine bisschen trashige Atmosphäre“. Die der Platte zugute kommt. Hochglanz hatten wir schon. Aber das ist ein Schuh, der Garbage nie so richtig gepasst hat.

Foto: Joseph Cultice / PIAS

In so einer Art Studio aufzunehmen legt die Vermutung nahe, dass so mancher Bombast vergangener Alben wieder zurückgefahren wurde. Dass Garbage wieder rauher, ungeschliffener klingen würden, wenn auch nicht ohne weiterhin die Songs mit jeder Menge Spielereien vollzustopfen. Und tatsächlich: schon das Eröffnungsstück „Sometimes“, inhaltlich schon einem Eingeständnis gleichkommend, lässt aufhorchen. Es ertönen zunächst schwere Klaviertöne und etwas, das nach synthetischen Streichern klingt und kurz wähne ich mich im falschen Film. Ernsthaft? Das ist doch die richtige Platte, die da gerade dudelt? Das dauert ungefähr eine halbe Minute, anschließend fetzen einem verfremdete Gitarrenakkorde um die Ohren, die zusammen mit dem bisher Gehörten und Shirley Mansons ruhigem Gesang eine ziemlich beklemmende, fast schon unheimliche Stimmung erzeugen. So viel steht fest: ein leichter Einstieg in ein Album geht anders! Dennoch ist die Überraschung gelungen. Das bereits bekannte „Empty“ folgt und schon bei diesem zweiten Track hat „Strange Little Birds“ seinen Stimmungshöhepunkt erreicht. Die Nummer hier, großartig in Szene gesetzt mit den typischen, schweren und jaulenden Gitarren, die man schon als Trademark-Sound bezeichnen muss, gehört zu den treibendsten Nummern dieses Albums. Ist von so manchem Pop-Ausflug vergangener Tage aber dennoch meilenweit entfernt. Es dauert ungefähr drei, vier Songs bis sich das erste Mal das Gefühl einschleicht, das neue Album sei ganz schön düster geworden. Nicht dieses „ich ritz mir die Pulsadern auf“-Düster, sondern eher wie in „Hello darkness, my old friend“. Was auch das Ziel war. Es ist erneut Vig, der erklärt: „Da sind nicht wirklich irgendwelche euphorischen Songs. Selbst „Empty“, mit diesem großen, hymnischen Gitarrensound, hat ganz schön düstere Lyrics“.

Nur konsequent eigentlich für eine Band, in der uns die Frontfrau vor mehr als 20 Jahren mal erklärt hatte, dass sie nur glücklich sei, wenn es regnet. Damals mag das eine Phase gewesen sein, heute ist diese Dunkelheit durchaus etwas, aus dem Shirley Manson Kraft zieht. Sie sagt: „Ich mag es dunkel und trostlos. Ich brenne für etwas Dunkelheit und Trostlosigkeit. Weil ich finde, dass die aktuelle Musiklandschaft unglaublich fröhlich, glänzend und poppig ist. Jeder ist in der ersten Reihe, tanzt so schnell er kann, lächelt so sehr er kann, arbeitet an der eigenen Marke. Niemand sagt jemals „tatsächlich bin ich gerade ziemlich verloren und habe keine verdammte Idee, was ich mit dem Rest meines Lebens anfangen soll und mir ist bange““. Da hat sie wohl nicht ganz unrecht, oder? Ich meine, schaut Euch doch nur mal um in Eurem nächsten Umfeld. Das ist das gleiche Prinzip, nur in kleinerem Maßstab. Hier noch ein Foto für Instagram, da noch schnell ein Status Update für Facebook – das eigene Leben, die Marke „Ich“ – alles eine immer besser laufende Inszenierung, um von der Leere, den Sorgen und Nöten hinter der Fassade abzulenken? Was davon bleibt, wenn der letzte Vorhang fällt, wird sich zeigen. Das Rad der Zeit jedenfalls dreht sich mit zunehmenden Alter immer schneller. Was durchaus zu einem Antrieb werden kann. „So We Can Stay Alive“, ebenfalls eine eher schnellere Rocknummer, hat dieses Gefühl, dass wir alle sicher in unterschiedlichen Ausprägungen kennen – das der verstreichenden Zeit – als Hintergrund. „Dieser Song ist eine Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit“ sagt Shirley, inzwischen auch schon 50 Jahre alt, „je mehr ich die Uhr ticken sehe, umso mehr Antrieb gibt es mir. Es ist ein Song über all die Dinge, die dich mit Leidenschaft antreiben, all die Dinge, die als Kraftstoff angesehen werden können. All diese Sachen von denen du denkst, sie seien nicht gut, können als die mächtigen Materialien dienen, die dein Leben bereichern“.

Auch wenn man sich mit zunehmenden Alter immer öfter Gedanken macht um das Leben und die Sterblichkeit – das Jahr 2016 bot bisher leider ja (musikalisch) viel zu viele Möglichkeiten diesbezüglich – so ist „Strange Little Birds“ dennoch aller Dunkelheit zum Trotz kein depressives Album geworden. Wie weiter oben schon angedeutet: Dunkelheit kann dann und wann auch ganz heimelig, wenn nicht gar inspirierend sein. Und Garbage selbst? Sie betrachten ihr jüngstes Werk als ihr bisher romantischstes. Wieder ist es Shirley Manson, die diesbezüglich erklärt: „Und was ich mit Romantik wirklich meine, ist Verletzlichkeit. Früher fühlte ich mich so verängstigt und ich denke, das wird der Grund gewesen sein, warum ich so aggressiv war – aber ich bin heute bereit, Schwäche zuzulassen. Mehr als je zuvor“. Sie sagt weiter, dass der bereits angesprochene Retro-Charme dieses Albums mehr einen persönlichen als einen musikalischen Hintergrund habe. Jeder Song behandele unterschiedliche Stationen im Leben zwischen ihr und einer Person, die sie liebte. Es seien Hotspots, in denen sie verängstigt oder verletzlich gewesen sei oder sich nicht gerade gut benommen habe. So ist das mit diesen komischen Gefühlen. Je intensiver, umso mehr verleiten sie zu irrationalem Verhalten.

Dass Garbage inzwischen ihr zweites Album auf ihrem eigenen Label Stunvolume veröffentlichen mag ein weiterer Grund dafür sein, warum „Strange Little Birds“ eine Rückkehr zu den Wurzeln ist. Es arbeitet sich eben viel entspannter, viel freier und kreativer, wenn da nicht noch ein zu erfüllender Vertrag im Hinterkopf herumgeistert oder ein Plattenboss der Meinung ist, die neue Platte müsse der Gewinnoptimierung wegen so oder so klingen. Pop-Songs schreiben können Garbage, das haben sie in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Die große Klasse jedoch, das was sie auszeichnet, das was sie eben herausragen lässt aus dem weiten Feld der Mitbewerber, sind aber eben die Rocksongs mit Ecken und Kanten. Und so klingt „Strange Little Birds“, als hätten die mehr als 20 Jahre seit der Veröffentlichung von „Garbage“ nicht stattgefunden. Als hätten sich Shirley und die Jungs direkt nach jener Veröffentlichung wieder im Keller verschanzt und neue Songs eingespielt. Roh und ungestüm, verspielt und verletzlich, rockend und romantisch. „Als Teenager hockst du mit deiner Band in einem Keller und hast eigentlich keine Ahnung, was du machst“, erklärt Steve Marker. „In diesem Album steckt eine ganze Menge von den Teenagern, die wir mal waren“. Shirley Manson ergänzt: „Komischerweise hat dieses Album für mich mehr mit dem ersten Album zu tun als jedes der vorherigen“.

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Der Brückenschlag, um von Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft zu kommen, ist mehr als gelungen. Ganz gleich ob das von schwerer, düsterer Elektronik durchzogene „If I Lost You“, das mit traurigem Klaviergeklimper veredelte, rockende Road-Movie zum Hören, „Night Drive Loneliness“, oder der aktuelle Überflieger „Even Though Our Love Is Doomed“ – Gründe, Garbage wieder bis zur Erschöpfung abzufeiern, gibt es auf „Strange Little Birds“ viele. Gegen Ende des Debütalbums sang Shirley „Fix Me Now“. Hier erklärt sie in „Teaching Little Fingers To Play“, da sei no one around to fix me now. Doing it my own way. (I’m doing it, I’m doing it) I’m changing things up like I’m teaching little fingers to play. Hört einfach niemals auf damit.

Ich muss 12 oder 13 gewesen sein, als ich das erste Mal Garbage hörte. Damals war es ihr selbstbetiteltes Debütalbum und ich war unsterblich in Shirley Manson verknallt. Inzwischen bin ich ein bisschen älter geworden, Shirley Manson und der Rest von Garbage auch, ansonsten hat sich aber nicht viel verändert. Enorme Sympathien für eine der großartigsten Rockbands dieses Planeten sind noch immer vorhanden. Nicht immer bin ich so richtig glücklich gewesen mit dem, was Garbage in Form eines Albums servierten. Mit „Strange Little Birds“ kann aber wieder jeder glücklich werden. Vor allem auch ganz besonders jene Hörer, die spätestens nach „Version 2.0“ abgeschaltet hatten und die Band eher im Pop als im Alternative Rock verorteten. „Strange Little Birds“ ist im Prinzip „Garbage 2.0“; der Schritt zurück zu den Wurzeln ist hör- und spürbar. Und im Ergebnis sehr lohnenswert. Dass dieses Album zudem das wohl bisher düsterste der Bandgeschichte ist, kann als willkommener Bonus angesehen werden. „Strange Little Birds“ ist unterm Strich ein guter Grund, auch weitere 20 Jahre in Shirley und die Mucke ihrer Band verknallt zu sein. Vielleicht der beste seit 1995.

Erscheinungsdatum
10. Juni 2016
BAND/KÜNSTLER:IN
Garbage
ALBUM
Strange Little Birds
LABEL
PIAS
Unsere Wertung
8
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Garbage – Strange Little Birds
FAZIT
Nicht immer bin ich so richtig glücklich gewesen mit dem, was Garbage in Form eines Albums servierten. Mit „Strange Little Birds“ kann aber wieder jeder glücklich werden. Vor allem auch ganz besonders jene Hörer, die spätestens nach „Version 2.0“ abgeschaltet hatten und die Band eher im Pop als im Alternative Rock verorteten. „Strange Little Birds“ ist im Prinzip „Garbage 2.0“; der Schritt zurück zu den Wurzeln ist hör- und spürbar. Und im Ergebnis sehr lohnenswert. Dass dieses Album zudem das wohl bisher düsterste der Bandgeschichte ist, kann als willkommener Bonus angesehen werden.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8
GESANG
8
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Zurück zum Start - Garbage sind wieder so eckig und kantig wie anno 1995.
Und gleichzeitig erstaunlich düster.
NEGATIV
8
PUNKTE