Foto: Ben Wolf / Universal Music

Georg auf Lieder – Mano Grande

12 Geschichten vom großen und kleinen Glück, mitten aus dem Leben gegriffen, nett verpackt

Der Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär – ist irgendjemand da draußen, der ihn nicht schon irgendwann mal geträumt hätte? Oder, bezogen auf die Musik, vom Straßenmusikanten zum Popstar zu avancieren? Nun, mein werter Herr Vater sagt immer: „ohne Arme keine Kekse“ und somit ist es mit der Träumerei alleine noch nicht getan. Ein bisschen Glück gehört auch dazu, ganz klar, vor allem aber auch Talent, Fleiß und der unbedingte Wille, die eigene Situation zu verändern. Georg auf Lieder hat sicher auch irgendwann mal diesen Traum geträumt. Und heute sind wir hier und reden über sein inzwischen zweites Album „Mano Grande“. Es ist also offensichtlich nicht nur bei der Träumerei geblieben.

Im schönen Jahre 2011 war es, dass es Georg auf Lieder, gebürtiger Hamburger, nach einigen anderen Stationen nach Berlin verschlägt. Im Herzen der Hauptstadt spielte auf Lieder auf dem Alexanderplatz, direkt unter dem Telespargel quasi, seine Songs und verdiente sich somit seinen Lebensunterhalt. Ihr kennt das vielleicht: immer wieder hocken junge Menschen auf der Straße, in der Hand nur die mühsam zusammengesparte Klampfe, und spielen sich die Seele aus dem Leib in der Hoffnung, irgendjemand möge ihnen Gehör schenken und etwas wundersames passieren. Aber mal ehrlich: wie oft seid Ihr da schon stehen geblieben und habt zugehört? Meistens ist man doch viel zu gestresst, viel zu sehr in Eile dafür, oder? Nun, das Glück war dem 28-jährigen hold. Wind und Wetter trotzend hat es Georg auf Lieder geschafft, sich eine Fanbase zu erspielen, entdeckt zu werden und letztendlich mit „Alexanderplatz“ ein erstes Album vorzulegen. Ihr seht also: nicht nur träumen – machen! Danach ging es für Georg übrigens steil nach oben. Er spielte bei Rock am Ring/Rock im Park und war monatelang im Vorprogramm von Künstlern wie Amy Macdonald oder Imagine Dragons unterwegs. In dieser Zeit sind ein paar Dinge passiert. Das feinfrickelige Liedermachertum ist einem ausgewachsenem Pop-Rock-Sound gewichen; die Herzschmerzerei des Debüts hingegen muss sich nun mit jeder Menge guter Laune das Feld teilen.

Schon direkt zum Einstieg geht „Mano Grande“ gut nach vorne. „Sie“, kürzlich mit einem eigenwilligen Video voller Marmelade bedacht, rockt wie verrückt. Man kann sich bestens vorstellen, wie tausende Kehlen diese Groupie-Nummer beim nächsten Festival lautstark mitgröhlen. Auch „Frosch“ war im Vorfeld schon veröffentlicht worden. Ganz hübsch ist die Ballade „Verschwommen“, ein Song darüber, warum es manchmal eben doch nicht genug ist, einfach „nur“ zu lieben und besser den Schlussstrich zu ziehen. Manche Dinge funktionieren einfach nicht. „Brandenburg“ beschreibt den elendigen Alltagstrott, der ständig nach uns greift und das Gefühl verstärkt, irgendwie flüchten zu wollen. Aus dem Alltag, aus dem gewohnten Leben, aus der Stadt in der man wohnt – ganz egal, nur mal raus, den Kopf frei bekommen, dann kann es weitergehen. Es spricht übrigens für den Humor von Georg auf Lieder, ausgerechnet nach Brandenburg zu wollen. Kennt man sonst ja eher von Rainald Grebe.

Apropos Humor: manchmal geht das auch in die Hose. Im Wortsinn. So wie im Stück „Frau Müller“, das mit infantil schon ganz gut umschrieben wäre. Ihrer Lippen süßen Kranz hätte ich gerne an meinem … Mu-Mu-Mu-Mund, singt er da. Ja nee, ist klar. Fehlte eigentlich nur noch, dass der Vorname besagter, früherer Lehrerin Uschi lautet. Mensch Georg, was war da los? Die Nummer ist nicht nur unnötig albern, sie will auch irgendwie nicht so richtig zum Rest des Albums passen. Die Versöhnung erfolgt jedoch allerspätestens mit „Bausparvertrag“. Kennt Ihr das? Alle rings um Euch herum heiraten, bekommen Kinder, bauen Häuser und überhaupt: diese idyllische Glückseligkeit ist allgegenwärtig – nur bei Euch nicht? Weil das Leben in anderen Bahnen verlaufen ist, andere Dinge wichtiger waren? Und die Vorstellung, in der gleichen Tretmühle festzustecken bereitet undefinierbares Unbehagen? Ja? Dann werdet Ihr Euch mit diesem „Bausparvertrag“ bestens identifizieren können. Dieses Gefühl bittersüßer Melancholie, das eigentlich nicht so richtig greifbar ist, wurde bisher wohl kaum schöner und treffender in Musik verpackt. Es zieht mich an, es stößt mich ab, ein Gefühl so bittersüß. Warum macht mich Harmonie so seltsam depressiv? Ganz groß!

Musikalisch ist Georg auf Lieder jetzt in raum- und später sicher hallenfüllenden Rock mit jeder Menge Pop umgestiegen. Geht alles gut ins Ohr, nicht zuletzt wegen der angenehmen, rauchigen Stimme von Georg. 12 Geschichten vom großen und kleinen Glück, mitten aus dem Leben gegriffen, nett verpackt – jepp, das ach so schwierige zweite Album ist gelungen, würde ich sagen. Schön, dass es Georg damals nicht bei der Träumerei belassen, sondern das Glück bei den Hörnern gepackt hat. Jetzt, wo „Mano Grande“ draußen ist bleibt eigentlich nur noch eines zu sagen: ich freue mich auf die nächsten Geschichten aus der Feder von Georg auf Lieder.

Unterm Strich ist „Mano Grande“ ein richtig unterhaltsames, irgendwie sympathisches Album geworden. Von Anfang bis Ende angefüllt mit kleinen Geschichten, immer mit einem Hauch Melancholie, oft mit einer Prise warmherzigen Humors versehen. No big deal, quasi. Und gerade deshalb irgendwie schön. Noch dazu die angenehme weil samtig-rauchige Stimme von Georg auf Lieder – fertig sind knappe 50 Minuten toller Musik, die man als Fan deutschsprachiger Pop-/Rock-Musik gut und gerne mitnehmen kann. Um es abschließend mal auf den Punkt zu bringen: „Mano Grande“ ist wie akustische Trinkschokolade. Wärmt und macht glücklich.

Erscheinungsdatum
20. -mai 2016
BAND/KÜNSTLER:IN
Georg auf Lieder
ALBUM
Mano Grande
LABEL
Universal Music
Unsere Wertung
7.5
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Georg auf Lieder – Mano Grande
FAZIT
Unterm Strich ist „Mano Grande“ ein richtig unterhaltsames, irgendwie sympathisches Album geworden. Von Anfang bis Ende angefüllt mit kleinen Geschichten, immer mit einem Hauch Melancholie, oft mit einer Prise warmherzigen Humors versehen. No big deal, quasi. Und gerade deshalb irgendwie schön. Noch dazu die angenehme weil samtig-rauchige Stimme von Georg auf Lieder - fertig sind knappe 50 Minuten toller Musik, die man als Fan deutschsprachiger Pop-/Rock-Musik gut und gerne mitnehmen kann.
INHALT/KONZEPT
7
TEXTE
7
GESANG
8
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
7.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Guter, deutschsprachiger Pop.
Humor und Melancholie gut ausgeglichen.
NEGATIV
Manchmal jedoch ist der Humor ein bisschen drüber.
7.5
PUNKTE