Foto: Michael Kanzler / Music Evangelists

Escape With Romeo – After The Future

Die finale Evolutionsstufe der Band?

1989 war ein bemerkenswertes Jahr. Die Mauer war gefallen, im Sommer jenes Jahres zog die erste Love Parade durch die Straßen Berlins, in China löste man das Protestproblem in der Bevölkerung mit dem Tain’anmen-Massaker gewaltsam, die Russen zogen sich aus Afghanistan zurück und ich – ich schnallte mir den Ranzen auf den Rücken für die zweite Runde im Grundschulzirkus. 1989 war aber auch aus einem anderen Grund ein bemerkenswertes Jahr. In diesem Jahr nämlich wurde in der wunderschönen Stadt Köln die Band Escape With Romeo gegründet. Seitdem ist viel Wasser den Rhein entlang geflossen. Unsere Welt hat sich in der Zwischenzeit mehrmals radikal gewandelt und vieles von dem, was Neunundachtzig gekommen war, ist längst schon wieder gegangen. Escape With Romeo aber sind geblieben und veröffentlichten vor kurzem ihr neues Album „After The Future“, von dem ich Euch nachfolgend erzählen möchte.

Escape With Romeo ist eine dieser Bands, bei der Connaisseure ein besonderes Glänzen in den Augen kriegen, wenn irgendwo das Thema zur Sprache kommt. Mit ihrer 1991er Single „Somebody“ haben Thomas Elbern(Gründungsmitglied von Pink Turns Blue und heute noch als Radiomoderator u.a. bei 1Live oder dem Deutschlandfunkjungen Independent-Künstlern zu einem größeren Publikum verhelfend) und seine Kollegen einen Knüller geschaffen, der die Zeit überdauerte. In jede anständige Playlist einer düsteren Tanzveranstaltung, die auch mal den Blick über den aktuellen DAC-Tellerrand wagt, gehört auch heute noch dieses besagte „Somebody“. Und auch wenn Elbern in seiner eigentlichen Profession über die inzwischen fast 30 Jahre viele musikalische Strömungen, Ideen und Stile hat kommen und gehen sehen, so ist Escape With Romeo in all der Zeit ein echtes Unikat geblieben. Niemals in der Geschichte der Band wurde einem Trend hinterher gehechelt, immer war ihr Sound ein unverwechselbare Markenzeichen. Dass sich Escape With Romeo über die Jahrzehnte dennoch weiterentwickelt haben, ist unbestreitbar. Waren es in den Anfangstagen vornehmlich Gitarrentöne, die aus den Boxen tönten, so fanden sich im Laufe der Zeit immer mehr elektronische Elemente im Klangbild der Band. Zuletzt wurde teilweise in Deutsch gesungen, wie auf dem 2012er Album „Samsara“ zu hören war. Wir sprachen gerade von Markenzeichensound. Nun, die Musik von Escape With Romeo war immer schon so berauschend, einhüllend und zur Träumerei verleitend, dass irgendwas in Richtung Traumtagebuch auch ein adäquater Bandname gewesen wäre.

Heute, drei Jahre nach ihrem letzten Album „Samsara“ hat die erwähnte Elektronik ihren bisherigen Spitzenanteil im Klangbild erhalten. Es klingt noch immer unverwechselbar nach Escape With Romeo, mit seinen wellenförmigen Melodien, die den Hörer in unbekannte Welten tragen, dem typischen, mitunter verfremdeten Gesang und all diesen Stimmungen und Bildern, die in jeder Minute mitschwingen. Die elektronisch ausgerichtete Experimentierfreude ist dennoch nicht zu überhören. Genauso wenig wie der Umstand, dass mit Mattussea erstmals auch weibliche Vocals zu hören sind. Die Welt dreht sich weiter, die von Escape With Romeo tut es auch – nur eben ohne sich an aktuellen Trends anzubiedern. Wer einmal Escape With Romeo gehört hat und sich in der Musik wohlgefühlt hat, ist hier direkt bei den ersten Tönen wieder zuhause.

After The Future“ – Titel und Cover-Artwork lassen vermuten, dass hier einmal mehr ein apokalyptisches Thema das Grundmotiv des Albums gewesen sein mag. Nicht ganz. In der beiliegenden Presseerklärung zum Album verdeutlicht die Band, das die zentrale Überlegung eher eine Welt nach dem Menschen gewesen sei. Eine Sinnsuche, so wird berichtet, bei der sicher Protagonist durch die endlosen Straßenschluchten einer Endzeitmetropole bewege, die alles verspreche und noch mehr einfordere. Ja Mensch, so endzeitlich ist das gar nicht. Einmal am Leben einer modernen Großstadt teilgenommen, dürfte das erlebte Resultat ein sehr ähnliches sein.

Sinnsuche ist das Wort der Stunde. In ihrer Karriere haben Escape With Romeo schon so manchen Text geliefert, der wie ein Pfeil mitten ins Herz trifft. Ich erinnere mich nur zu gerne an „Here Comes The Night“, bei dem es gleich im ersten Satz der ersten Strophe heißt: All of my dreams explode in the sky / The struggle continues and so do I. Eine dieser Songzeilen, die sich in meinem Hirn für alle Zeiten eingebrannt haben. „After The Future“ liefert erneut ähnliche Volltreffer. Gleich im ersten Stück, „You’ll Always Be A Stranger (In The House Of Love)“ heißt es nämlich: There is no happy ending / no message from the sky above / You’ll always be a stranger / in the house of love. Fast schon erschreckend, wie ich ein ums andere Mal denke, Herr Elbern könne in meinen Gedanken und Gefühlen lesen wie in einem offenen Buch. Ernsthaft, Leute – Songs mit großem Identifikationspotential zu schreiben, obwohl man die meisten seiner Hörer gar nicht kennt und gleichzeitig die Klischees der Szene, in der man sich bewegt zu umschiffen – das fällt für mich ganz klar in die Kategorie „große Kunst“!

Foto: Roman Jasiek / Music Evangelists

Darüber hinaus streifen Escape With Romeo diverse unbequeme Themen, die sich erfreulicherweise von der szenetypischen Selbstbemitleidung abheben. Da wäre das Thema Drogenmissbrauch, eine vermeintlich bequeme Flucht in ein anderes Leben („Drugz“). Hatten wir damals auf den „Psalms Of Survival“ nicht schon mal was in Richtung „Chemical Peace“? Weiterhin richten Escape With Romeo ihren Blick auf die Schattenseiten schillernder Großstäde, wo sich alte Säcke minderjährige Mädchen ins Bett holen („Heart Of Darkness“). Oder der „Hospital Song“, der unweigerlich an den Martin Scorsese-Streifen „Bringing Out The Dead“ erinnert, in dem Nicolas Cage als Rettungsdienstler Nacht für Nacht mit dem Tod in Kontakt kommt. „Wrong Side Of Town“ hingegen lässt mich an die Stadt Detroit denken. Nach dem Fall der US-Autoindustrie in den 80er Jahren ist die Stadt tief gefallen und gilt heute als gefährlichstes Pflaster der Vereinigten Staaten. Da gibt es ganz sicher auch so manche „wrong side of town“…

Jede der hier versammelten dreizehn Geschichten kommt in einem sauber produzierten, erfreulich druckvollen Soundgewand daher, dem der noch stärkere Fokus auf elektronische Elemente ganz wunderbar zu Gesicht steht. Das liest sich vermutlich dramatischer, als es ist. Wie schon weiter oben erwähnt: wenn Ihr Escape With Romeo bis dato mochtet, müsst Ihr Euch nicht wirklich umgewöhnen. Das Klangkonzept haben Thomas Elbern und seine Mitstreiter nicht über Bord geworfen. Es sind immer noch die über die Jahre lieb gewonnenen Harmonien und Melodien, nur dass die Gitarren jetzt noch weniger zu sagen hat. Das klingt am Ende gar nicht so kalt und mechanisch, wie es sich angesichts der düsteren Themen vermuten lässt. Ich persönlich hätte ja nichts dagegen, wenn die Band hiermit ihre finale Evolutionsstufe erreicht hätte. Unvorstellbar, dass es noch viel runder werden kann. Andererseits werden Escape With Romeo nach inzwischen fast 30 Jahren sicher nicht anfangen, auf der Stelle zu treten. Lange Rede, gar kein Sinn: „After The Future“ ist eines dieses kleinen, tollen Alben, die ganz unverhofft angekommen sind und ganz sicher bleiben werden. Und eine höchst lohnenswerte Anschaffung für jede:n Musikliebhaber:in.

Escape With Romeo waren nie eine dieser ganz großen, ganz besonders populären Bands – auch nicht innerhalb der Düsterszene – und auch nie eine von denen, die auf dem Wunschzettel für das nächste Festival ganz weit oben aufgeführt wurden. Trotz demnächst 30 Jahre Bandgeschichte gibt es immer noch viele Konsumenten, die mit der Stirn runzeln, sobald die Sprache auf Escape With Romeo gelenkt wird. Daran wird sich nichts mehr ändern, vermute ich. Das macht aber nüscht und soll die Leistung der Band in keiner Weise in Abrede stellen. Viel mehr ist EWR für mich eine dieser kleinen, ganz besonderen Musikperlen, die man von Zeit zu Zeit immer wieder gerne aus dem Regal holt, wenn einem der Sinn nach ganz besonderer Mucke steht. Das neue Album „After The Future“ macht hier keine Ausnahme. Der Verzicht auf die deutschen Texte und die noch elektronischere Ausrichtung macht das Erleben dieser Musik zu einer noch runderen Sache in meinen Ohren. Es ist vergleichbar mit einer edlen, sehr teuren Flasche Wein: die schüttet man sich auch nicht einfach so in den Hals, sondern konsumiert sie erst dann, wenn man Lust auf etwas wirklich außergewöhnliches hat. Für die unaufmerksame Dauerbeschallung ist die Musik von Escape With Romeo viel zu schade. Auch daran wird sich nichts mehr ändern.

Erscheinungsdatum
11. September 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Escape With Romeo
ALBUM
After The Future
LABEL
Zeitklang Records
Unsere Wertung
8.3
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Escape With Romeo – After The Future
FAZIT
Viel mehr ist EWR für mich eine dieser kleinen, ganz besonderen Musikperlen, die man von Zeit zu Zeit immer wieder gerne aus dem Regal holt, wenn einem der Sinn nach ganz besonderer Mucke steht. Das neue Album „After The Future“ macht hier keine Ausnahme. Der Verzicht auf die deutschen Texte und die noch elektronischere Ausrichtung macht das Erleben dieser Musik zu einer noch runderen Sache in meinen Ohren. Es ist vergleichbar mit einer edlen, sehr teuren Flasche Wein: die schüttet man sich auch nicht einfach so in den Hals, sondern konsumiert sie erst dann, wenn man Lust auf etwas wirklich außergewöhnliches hat. Für die unaufmerksame Dauerbeschallung ist die Musik von Escape With Romeo viel zu schade.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8.5
GESANG
8
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Eine weitere Perle, die aus dem Klanguniversum von Escape With Romeo zu uns herüber gebeamt wurde.
NEGATIV
8.3
PUNKTE