Foto: Sony Music

MS MR – How Does It Feel

Startet vielversprechend, lässt dann nach und endet mit einem Bauchplatscher

Popmusik ändert sich ständig und bleibt, egal wie sehr sich alle über vermeintliches Gestelze, Inszenierung und fehlende Tiefe beschweren und dieses Genre so gerne mal schulterzuckend „keine echte Musik“ nennen, Spiegel der Gesellschaft. Gut, okay, vielleicht ist das nicht immer sichtbar und sicher warten jetzt vor meiner Tür direkt ein paar Gestalten, die mich für dieses Statement mit ihrer Plattensammlung verprügeln wollen, aber Popmusik ist und war immer ein ziemlich gutes Maß, um zu erkennen in welche Richtung sich vorrangig die jüngeren Generationen entwickeln. Was sagt es also aus, wenn zwei junge Amerikaner ihre elektrolastige Musik via Tumblr vertreiben und aus ihrem Wohnzimmer heraus auf die großen Bühnen geholt werden? Wenn sie plötzlich den Soundtrack dieser Serie oder dieses Werbespots liefern und mehr noch dem Tod eines jeden One-Hit-Wonders entgehen und ein zweites Album nach dem großen Durchbruch rausbringen? MS MR sind zurück – „How Does It Feel?“

Das zwölf Track umfassende Album startet flach und eingängig mit dem Song „Painted“. Lizzy und Max legen einen schnellen Beat vor, der den unverkennbaren Sound der Band trägt wie ein goldenes Banner. Sie sind zurück und sie machen noch genau das was sie schon damals gemacht haben – Musik, und zwar cool und sleek.

Criminals“ ist der zweite Song auf dem Album und besticht durch seinen interessanten Auftakt in der Strophe, der in einen blumigen Chorus mündet. MS Plapinger hat einfach eine Stimme aus Zucker. Dunklem und sphärischem. Perfekt für ihre Zwecke.

Richtig poppig wird es mit „No Guilt In Pleasure“, der viele interessante Melodieansätze bietet, die aber allesamt nicht wirklich verfolgt werden. Entfernt artverwandt mit The Naked And Famous besingt man hier den hedonistischen Zeitgeist der Jugend, der auch später wiederholt Thema der Texte ist.

Langsamer, geradezu melancholisch, wird es mit „Wrong Victory“. „When your skin doesn’t feel like home“ ist so einer dieser Sätze wie er in dem Tagebuch (sicherlich nicht nur, aber doch schon eher) eines jeden jungen Menschens stehen könnte. Der Sound aber in den die Zeile eingebettet ist, spricht vermutlich vornehmlich zu Menschen, die Fairtrade Kaffee im Hipster-Café bestellen, Seife bei Lush kaufen und Plateau-Ankleboots tragen – obwohl 2015 ist.

Gleichwegs langsam und zugegebenermaßen ein wenig langweilig im Vergleich klingt „Tripolar“. Aus irgendeinem Grund, wann immer ich versuche die Melodie mitzusummen, fange ich an „Rude“ von MAGIC! zu singen. Das ist aber bei weitem nicht der einzige Song, der irgendwie ziemlich bekannte Muster trägt.

Der Chorus des Titelsongs „How Does It Feel“ tut gleichen Zauber, indem er mich dazu bringt „A, B, C, D, E, F, G, 1, 2, 3, 4, 5“ (Na, wer erkennt’s?) zu rufen. Das Liegt ja letztendlich aber in der Natur von Pop, so alternativ er auch sein mag, dass man immer das Gefühl hat es schon mal gehört zu haben… zum Beispiel auf dem tatsächlich noch recht spektakulären Debütalbum aus dem Jahr 2013. Spätestens ab Halbzeit fängt das Album nämlich an ein wenig schal zu werden.

Tunnels“ ist trotz seiner experimentellen Natur recht unauffällig – und das ist schon eine Kunst für sich. Seine Ähnlichkeit zu „Tripolar“ macht den Song leider nicht besser und outet ihn in meinen Augen als die Schwachstelle des Albums.

These roots have no home, the only way I know you love me, is when you leave me alone“. Thematisch eine Spur tiefer geht es erneut um ein Problem der Generation Y mit dem Stichpunkt Beziehungsunfähigkeit. Das scheint tatsächlich, gemessen an den Texten aktueller Popmusik, ein riesen Ding zu sein. Erinnern wir uns an Sinahs aktuelles Album, welches Casual Sex vor Beziehungsenge anpries oder an den vor nicht allzu langer Zeit viral gegangenen Artikel von Michael Nast zur „Generation Beziehungsunfähig“. Hier beginnt wieder die Diskussion darum, ob dies nur der Text eines beliebigen Pop-Songs oder doch ein Spiegel einer bestimmten Gesellschaftsschicht? Vermutlich Letzteres. So bietet insbesondere dieser Song einen interessanten Einblick in genau diese Thematik, wenngleich es auch das einzig interessante an diesem Song ist.

Laut genug aufgedreht ist „Reckless“ ein würdiger Partysong, ansonsten aber weder inhaltlich noch klanglich besonders ansprechend. Der Rhythmus eignet sich zum Tanzen, der Titel appelliert wieder an young folks. Es soll der letzte Funsong des Albums werden und leitet das bedrückende Ende des Nachfolgealbums ein.

Cruel“ beginnt langsam und ruhig, steigert sich dann soundwise durch findige Komposition. Von dem Prädikat spektakulär sind wir aber meilenweit entfernt. Dieser Song ist definitiv kein Eye-Opener. Es klingt als brodelte es unter der Decke eines halbwegs mächtigen Refrains, doch bricht nichts durch. Leider. Potenzial wäre dagewesen.

Von seinem schnellen Beat allein lebt der Song „Pieces“. Der Einsatz des Pianos, von dem MS MR gerne Gebrauch machen auf diesem Album, sorgt für ein bisschen too much drama. Dennoch punktet der Song durch einen starken Refrain, kreiert durch gekonnte Klangüberlagerung, und macht sich so zum griffigsten Song des Albums.

Der Abschluss, der wie eine weniger schmissige Version von „Pieces“ klingt heißt „All The Things Lost“. Auch hier wird nicht am theatralischen Piano-Einsatz gespart, was den Effekt der kunstvollen Mehrstimmigkeit einen ziemlich tragisch-komischen Dämpfer verpasst. Somit geht das zunächst vielversprechende Album mit einem etwas uneleganten Bauchplatscher zu Ende.

Trotz dieses Stolperns auf den letzten Metern aber ist das neue Album von MS MR ein würdiger Vertreter des Alternative-Pop (Ja, das ist ein Ding). Den Sound der Tumblr-Generation oder zumindest der nächsten Staffel von GNTM liefern Lizzy und Max so ganz gewiss. Moderner Pop, ansprechend und seelenlos? Darüber kann man sicherlich streiten, wie vor allem an „Leave Me Alone“, aber auch an anderen Titeln dieses Albums sichtbar wird. Ob ein allgemeiner Trend in der Popmusik durch Nachahmung oder die aufmerksame Beobachtungsgabe aktueller Popkünstler:innen geschieht, ist nochmal eine andere Kiste. Gemessen vor allem am eigenen Vorgängeralbum klingen MS MR dieses Mal wenig facettenreich, doch erfüllt „How Does It Feel“ seinen Zweck als Mehrzweck-Nebenbei-Mucke. MS MR werden sicherlich wieder ihre Hörerschaft finden und sei es als der Hintergrundsound für irgendwas, denn auf einem Bein steht es sich nicht so gut.

Erscheinungsdatum
17. Juli 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
MS MR
ALBUM
How Does It Feel
LABEL
Columbia Records
Unsere Wertung
7.6
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
MS MR – How Does It Feel
FAZIT
Trotz dieses Stolperns auf den letzten Metern aber ist das neue Album von MS MR ein würdiger Vertreter des Alternative-Pop (Ja, das ist ein Ding). Den Sound der Tumblr-Generation oder zumindest der nächsten Staffel von GNTM liefern Lizzy und Max so ganz gewiss. Moderner Pop, ansprechend und seelenlos? Darüber kann man sicherlich streiten, wie vor allem an „Leave Me Alone“, aber auch an anderen Titeln dieses Albums sichtbar wird.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
7
GESANG
8
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
7.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Moderner Pop, der gut ins Ohr geht...
NEGATIV
...leider dort aber auch nicht allzu lange verweilt.
7.6
PUNKTE

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