Foto: Arne Grugel

Sascha Braemer – No Home

Nach u. a. der Kollaboration mit Niconé nun endlich das Debüt

Wenn man fragt, was denn „zuhause“ ist, bekommt man sicherlich unterschiedlichste Antworten. Für die einen sind es die vier Wände, in die sie am Ende eines Tages zurückkehren, sobald das Tagewerk vollbracht ist. Andere sagen, zuhause sei dort, wo das Herz wohnt. Diese müssten dann allerdings 50 Cent ins Phrasenschwein werfen. Wieder andere sagen, sie hätten kein Zuhause. Manche haben tatsächlich keins. Ich frage mich manchmal, ob man – unabhängig von Zeit und Ort, von sozialem Umfeld und finanziellen Möglichkeiten – nicht auch ganz einfach in der Musik zuhause sein kann. Die Musiker:innen unter Euch werden sagen, klar kann man das. Aber was ist mit uns Konsument:innen, die ihr Milchgeld regelmäßig zum Tonträgerdealer ihres Vertrauens schleppen? Kann Musik das gleiche, wohlige Gefühl geben, wie es der Ort tut, den wir für gewöhnlich als Zuhause bezeichnen? Ausgehend von Sascha Braemers Debütalbum kann sie das. Auch wenn das Album „No Home“ heißt.

Zwar haben wir es hier mit dem ersten Langspieler von Sascha Braemer zu tun, ein unbeschriebenes Blatt in der Electro-Szene ist er dennoch nicht. Zunächst im Duo mit Heinrichs & Hirtenfellner unterwegs, kam der erste große Bäng! im April 2011, als bei Oliver Koletzkis Label Stil vor Talent der Track „People“ erschien. Vorher, so heißt es, waren seine Solo-Produktionen nur einem überschaubaren Kreis Connaisseur:innen bekannt. Dann aber kam der Durchbruch. Nicht zuletzt das gemeinsame Album mit Niconé, „Romantic Thrills“ sowie der Überfliegerhit „Caje“ machten den Berliner zu einer angesagten Nummer in der Electro- und House-Szene. Nachdem er 2013 zusätzlich auch ein eigenes Label (WHATIPLAY) gründete, war klar: nu wird es wirklich Zeit für ein ganzes Solo-Album. Remixe und Produktionen für andere Künstler:innen sind ja schön und gut, aber ein eigenes Album sieht nicht nur schick aus in der Biografie. Es gehört auch irgendwie zum Pflichtprogramm eines musikschaffenden Künstlers, der (völlig wertfrei!) seine Karriere nicht nur darauf beschränken möchte, gesichtsloser Studiomusiker zu sein.

No Home“ nennt Braemer sein Album und es ist ein bisschen wie der Soundtrack seines eigenen Lebens. Es wirkt, als käme er hier mit einem Auto vorgefahren, öffnete die Wagentür und lüde uns ein zu einem Trip durch das aufregende Nacht- und Clubleben, so wie man es sich bei gefragten DJs eben vorstellt. Hetzend von Gig zu Gig, wartend auf verschiedensten Flughäfen dieser Welt, abfeiernd unter dem Neonsonnenschein unzähliger Clubs und am Ende jeder Nacht mit einem dezenten Gefühl des Ausbrennens im Herzen, dem Sonnenaufgang und dem nächsten Flughafen entgegen. Zuhause? Das ist so langsam der Sicherheitsbereich nach dem Check-In. So wie Privatleben inzwischen eine Autobahnabfahrt kurz hinter Magdeburg ist, irgendwo zwischen Eimersleben und Uhrsleben… Ein solches Bild zeichnet Braemer hier, Songtitel wie „Take Off“, „No Home“, „Losing Myself“, „Daily Routine“ oder „Highway“ sprechen dabei eine deutliche Sprache.

Die Mucke Braemers ist über weite Strecken rein instrumental gehalten. Zudem meist eher rhythmisch als melodisch und genretypisch eher minimalistisch ausgefallen. Gleichzeitig sind die Tracks sehr entspannt und entspannend. Klar, man kann sich zu vielen Stücken in Trance tanzen, man kann aber auch ganz hervorragend die Augen schließen und sich in den Songs verlieren. Interessant zu hören: immer wieder lugt der musikalische Geist der 80er hervor. Bestes Beispiel ist das Titelstück „No Home“, eines der wenigen Stücke mit Gesang. Die klimpernden Synthies, die fesselnde Melodie – das klingt beinahe ein bisschen so, als hätte man Jan HammerKavinsky und Kai Tracid in einen Topf geworfen, gut durchgerührt und dieses famose Stückchen Lied herausgefischt. Dass dabei die wesentliche Melodie von Bronski BeatsSmalltown Boy“ recyclet wurde – geschenkt. Einziger Haken: es ist deutlich zu kurz geraten. Still und heimlich hoffe ich ja immer noch auf eine Extended Version.

Ziemlich großartig ist auch „District 1“. Sehr treibend und wieder nur mit dem Hauch einer Melodie versehen ertappe ich mich hierbei immer wieder, wie ich in Gedanken in finsterer Nacht durch die Straßen einer anonymn Großstadt fahre. Eine schwarze Limousine, die Straßenlaternen und Leuchtreklamen spiegeln sich im glänzenden Lack. Start und Ziel sind völlig unbekannt, irrelevant, der Puls bestimmt das Tempo.

Oder kennst du das, wenn eine Nachricht auf deinem Handy aufploppt und du es aufgrund dessen nicht erwarten kannst, nach Hause zu kommen? Ein Anflug von Vorfreude und Euphorie, der dich durch die Straßen jagen lässt? So fühlt sich „The Message“ an, das ein bisschen mit gebrochenen Beats und 90er-Jahre-Dancefloor-Elementen spielt. Und mal ehrlich: es kotzt uns doch nichts mehr an als das tägliche Einerlei, oder? Manchmal möchte man so gerne ausbrechen aus dem gewohnten Trott, einzig die Umsetzung scheint schwer bis unmöglich. Und so schleppt man sich tagein, tagaus durch das, was man Alltag nennt. Dieses Gefühl vermittelt das schwere, drückende „Daily Routine“ ziemlich gut. Die nöligen, an Orgel erinnernden Klangspielereien tragen einiges zu der unbequemen Stimmung bei.

Das knapp 30-sekündige „Nitro“ hingegen erzählt irgendwie gar keine Geschichte, muss eher als Experiment angesehen werden und dient, wenn überhaupt, dem nachfolgenden „Neon Rider“ als Intro. Hach, hier sind sie wieder diese ausufernden Synthieflächen, die ein bisschen an die 80er erinnern. Treibende, pulsierende Beats, einnehmende Melodiebögen – zum Ende hin also nochmals großes (Kopf-)Kino! Wie bei vielen Stücken dieses Albums beschleicht mich das Gefühl, Herr Braemer hätte eine Vorliebe für Soundtracks, die er höchst dezent in dieses Album mit einfließen ließ. So manches Mal dachte ich, den ein oder anderen Klangtupfer in ähnlicher Form in einem anderen Zusammenhang gehört zu haben. Es ist eine Wonne, die (gewollten oder ungewollten) Anspielungen zu entdecken.

Schon richtig, es liegt hier ein inhaltlicher Rahmen vor, der aus Braemers Biografie geschmiedet wurde. Da es aber nur ein paar wenige Songs gibt, die mit Gesang daherkommen – und selbst die sind noch sehr frei interpretierbar – lassen sich wunderbar ganz eigene Geschichten spinnen, während man „No Home“ konsumiert. Ob das nun zuhause in den eigenen vier Wänden ist, oder ob dieses „Zuhause“ irgendwo unterwegs ist, spielt keine Geige. In-Ears ins Ohr gestöpselt, Kopf gegen die Scheibe gelehnt, Augen zu und der Zug, der dich gerade mit 200 Kilometern pro Stunde durch die Weltgeschichte schießt, wird zum Teleporter und beamt dich irgendwo anders hin. Die Koordinaten setzt Braemers Musik in Kombination mit den Vorstellungen in deinem Kopf.

Würde man das musikalische Tun eines Oliver Koletzki, eines Niconé und eines Paul Kalbrenners triangulieren, man fände Sascha Braemer sicher irgendwo in der Mitte. Tiefenentspannte Electro-Mucke liefert er auf seinem Debüt „No Home“, würzig zusammengerührt aus Zutaten von (Deep-)House, Minimal und Electro(-Pop). Dass die Songs über große Strecken eher rhythmisch als melodisch sind, liegt in der Natur der Sache, verleiht ihnen aber eine zusätzlich hypnotische Wirkung. In den Momenten aber, wo sich Braemer Melodien und Gesang gestattet, wird „No Home“ erst recht träumerisch schön. Wer für diese Art „Weiberelectro“ (Braemer selbst bezeichnet seine Mucke gerne mal als Mädchenmusik!) empfänglich ist, bekommt hier ein Album geliefert, das förmlich dazu einlädt, sich fallen zu lassen. Musik an, Welt aus und alles ist gut mit dieser Electro-Perle. Entgegen des Titels lässt es sich hier nämlich wirklich ganz wunderbar einziehen.

Erscheinungsdatum
22. Mai 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Sascha Braemer
ALBUM
No Home
LABEL
WhatIPlay
Unsere Wertung
7.7
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Sascha Braemer – No Home
FAZIT
Würde man das musikalische Tun eines Oliver Koletzki, eines Niconé und eines Paul Kalbrenners triangulieren, man fände Sascha Braemer sicher irgendwo in der Mitte. Tiefenentspannte Electro-Mucke liefert er auf seinem Debüt „No Home“, würzig zusammengerührt aus Zutaten von (Deep-)House, Minimal und Electro(-Pop). Dass die Songs über große Strecken eher rhythmisch als melodisch sind, liegt in der Natur der Sache, verleiht ihnen aber eine zusätzlich hypnotische Wirkung. In den Momenten aber, wo sich Braemer Melodien und Gesang gestattet, wird „No Home“ erst recht träumerisch schön. Wer für diese Art „Weiberelectro“ (Braemer selbst bezeichnet seine Mucke gerne mal als Mädchenmusik!) empfänglich ist, bekommt hier ein Album geliefert, das förmlich dazu einlädt, sich fallen zu lassen.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
6.5
GESANG
7
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Tiefenentspannter "Weiberelectro".
Gelungenes Debüt.
NEGATIV
7.7
PUNKTE