Foto: Dependent Records

Various – Dependence 2015

Wie so oft bei dieser Compilation-Reihe gilt: Next Level Electronics

Es gibt Veröffentlichungen, über die freue ich mich pauschal stets zweimal. Das erste Mal, wenn sie angekündigt werden. Das zweite Mal, wenn sie endlich da sind und in meinem Player rotieren. Die „Dependence“-Compilation-Reihe aus dem Hause Dependent gehört definitiv zu diesen Veröffentlichungen. Von dieser hauseigenen Werkschau, bei der (bis dato) nur der eigene Künstlerkader berücksichtigt wird, gab es ja in der Vergangenheit schon einige. Es käme einer mittleren Katastrophe gleich, würde die aktuelle Ausgabe „Dependence 2015“ vom gewohnten Muster abweichen. Tut sie das? Gucken wir mal.

Dependent ist schon toll. Ich meine, ich bin kein großer Fan von „was wäre, wenn“-Überlegungen. Aber: hätten wir Dependent nicht, würden wir heute Bands wie VNV Nation, Covenant, Rotersand, Seabound oder auch aktuell Chrysalide nicht so abfeiern, wie wir es dank des Gelsenkirchener Traditionslabels tun können. Vieles von dem, was heute im Bereich Düsterelectro Rang und Namen hat, kennen wir dank Dependent. Ob die Club-, Festival- und Konzertlandschaft sich ohne die Treffsicherheit von Dependent genauso entwickelt hätte? Weiß man nicht. Da wir hier aber schon wieder bei „was wäre, wenn“ angelangt sind, schlage ich jetzt die Brücke zum eigentlichen Thema meines heutigen Schreibens: die „Dependence 2015“. In Gelsenkirchen pflegt man zwei Compilation-Serien. Die eine ist die „Septic“-Reihe. Hier wird aktive Perlentaucherei betrieben und vielversprechenden Newcomern eine Bühne eingeräumt, um von einem potentiell interessierten Publikum wahrgenommen zu werden. Unter Connaisseur:innen genießt die Reihe mit gutem Recht einen verdammt guten Ruf. Die andere Reihe ist die „Dependence“. Hier feiert sich das Label stets selbst. Oder, nein, nicht sich selbst, sondern den zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuellen Künstlerkader. Anstatt nun aber einfach die Songs zu nehmen, die beispielsweise in den Deutschen Alternative Charts die meisten Kudos kassiert haben, irgendwie lieblos auf einen Silberling zu quetschen und damit den Fans, Sammler:innen und Alleskäufer:innen noch ein paar Taler extra aus der Tasche zu ziehen, geht man in Gelsenkirchen andere Wege. Auf einer „Dependence“ finden sich stets nur Songs, die vielleicht noch gar nicht veröffentlicht worden sind oder aber exklusive Remixe. Schön und gut, „exklusiv“ ist in Zeiten des Internets immer so eine Sache. Musiksammler hingegen, die sich weiterhin die CD ins Regal stellen, bekommen hier stets auf’s Neue tolle Dinge geboten, die (zumindest auf anderen Silberlingen) noch nicht zu finden waren. So verhält es sich auch mit der Ausgabe für 2015. Schauen wir uns doch mal im Detail an, was uns hier so erwartet.

Covenant – Prime Movers (Club Version):

Ich gebe zu, ich hatte die Schweden in den letzten Monaten ein bisschen von meinem Schirm verloren. Komisch eigentlich, war doch das letzte Album „Leaving Babylon“ ein ganz großer Wurf. „Prime Movers“, das ich erstmals auf einer Bootsfahrt im Rahmen eines Amphi Festivals hörte, war und ist bis heute einer meiner Lieblinge des besagten Albums. Die vorliegende Variante kommt deutlich stampfender daher als das Original. Wen wundert’s, es handelt sich ja auch um die Club Version. Und die muss schließlich scheppern. Immer noch ein Ohrwurm deluxe. Und irgendwie tut es gut, mal wieder Eskils sonore Stimme zu hören, wie er hier „Prime Movers“ ins Mikrofon schnurrt. Toller Einstieg!

Encephalon – Illuminate:

Aus Kanada, soviel weiß man inzwischen, kommt ziemlich hochwertige Electro-Mucke. Beispiele muss ich wohl weiter keine nennen, Ihr wisst alle, wer gemeint ist. Ich erinnere mich gerne an das 2011er Debüt „The Transhuman Condition“ zurück, ebenfalls ein großer Wurf in seinem Bereich. Nach der langen Funkstille (beinahe vier Jahre sind im manchmal sehr kurzlebigen Musikbusiness eine ziemlich lange Zeit!) hatte ich schon Sorge, es handele sich hierbei um ein One-Hit-Wonder. Schön zu hören, dass dem nicht so ist. „Illuminate“ ist eine eindrucksvolle Rückmeldung die für mehr Abwechslung in den Tanztempeln sorgt. Und gleichzeitig die stille Hoffnung, dass da endlich mal ein Nachfolgewerk auf den Markt kommt. Zeit wird’s!

GingerSnap5 – Distant Star (Club Version):

Komisch, ich lese jedes Mal anstatt des Bandnamens „Ingwer Schnapps“. Vermutlich eine Fehlleistung meines Hirns (oder meiner Leber). Ähem. Jedenfalls: Diese Band aus der Ukraine hatte ich bis zu dieser Compilation so gar nicht auf dem Schirm. Das wird sich aber ändern. Die vorliegende Club Version von „Distant Star“ ist ein Paradebeispiel für eingängige, tanzbare und hochgradig gefällige Düsterelektronik. Mehr als konkurrenzfähig mit den großen Acts der Szene. Ich glaube, von GingerSnap5 dürfen wir noch so einiges erwarten. Gespannung liegt in der Luft!

Chrysalide – Substance Over Style (Remix by Arco Trauma):

Die Franzosen von Chrysalide sind momentan so ziemlich das heißeste Eisen, das man im Bereich brachialen Electro-Industrials finden kann. Wem hier nicht die Öhrchen klingeln und wer nicht gleichzeitig vor Begeisterung in die Hände klatscht, ist entweder taub – oder einfach nicht die Zielgruppe. Der Name des Tracks ist bei Chrysalide übrigens Programm. Erstaunlich ruhig, dafür aber nach wie vor mit den gewohnten Störgeräuschen kommt „Substance Over Style“ daher. Interessant, Chrysalide mal aus dieser Hörperspektive zu erleben. Von den Franzosen künftig weniger als das Maximum zu erwarten wäre übrigens grob fahrlässig.

Clicks – You’re Here To Stay:

Quietischiger Electro-Sound, der vornehmlich auf der Tanzfläche sein Zuhause finden dürfte. Das, was die Clicks hier abliefern, ist mit „klassisch“ ziemlich gut umschrieben. Inhaltlicher Minimalismus, musikalischer Tanz-Exzess. „You’re Here To Stay“ ist einer dieser Songs, die zwischen den vermeintlichen Gassenhauern gespielt werden kann und wo dann erst recht die Post auf der Tanzfläche abgeht. Ob man ihn in gleichem Maße zuhause genießt, muss allerdings jeder für sich entscheiden.

Iris – Phenom (Club Mix):

Radiant“, das zugehörige Album zu „Phenom“, war toll. Und ich meine TOLL! Musik an, Welt aus und ab auf die Couch. Und der Rest der Welt, der kann mich mal. So könnte das Motto sein, wenn man sich das jüngste Schaffenskind von Iris mit aller gebotenen Aufmerksamkeit zu Gemüte führen möchte. Mit dem hier präsentierten Club Mix zeigen Reagan Jones und Andrew Sega, dass es sich zu ihrer Mucke aber auch hervorragend Tanzen lässt. Auch wenn ich persönlich bei Iris lieber träume als schwitze.

Beborn Beton – 24/7 Mystery:

Junge, von Beborn Beton hat man auch schon lange nichts mehr gehört. Lange! Das letzte Album „Tales From Another World“ erschien im Jahr 2002. Knapp 13 Jahre später nun also ein Lebenszeichen. Da es sich auf dieser Compilation befindet lässt vermuten, dass da demnächst noch mehr kommt. Es füllt mein Herz mit Freude, dass Beborn Beton das eingängige Synthie-Poppen nach all der Zeit nicht verlernt haben. Geht in die Ohren und in die Beine und hat das Zeug, der Geheimtipp dieser Zusammenstellung zu sein. Schon irgendwie ganz schön groovie!

Edge Of Dawn – LoveLost:

Puh, es war nun doch schon eine ganze Weile still um das Projekt von Mario Schumacher und Frank M. Spinath (Seabound). Das letzte Album, „Anything That Gets You Through The Night“, datiert zurück auf das Jahr 2010. Und nun sind sie wieder da mit einem Song, der aufgrund charmanter 80er Synthies und einer Hookline, die sofort ins Ohr geht (und das Gedächtnis nie wieder verlässt), sofort für mittelschwere Begeisterung sorgt! Im Vergleich zu früher wirkt der neue Sound noch eingängiger, noch fesselnder. Zu sagen, Edge Of Dawn wäre der leichter zu konsumierende Bruder von Seabound tut dem Projekt nicht nur keinen Abbruch, es war auch selten so passend wie hier. Ein Vorbote für ein neues, läääääängst überfälliges drittes Album? Hoffentlich! Mein persönlicher Favorit dieser Compilation.

Mesh – Adjust Your Set (MaBose Extended Version):

Hach, Mesh! Was haben wir seinerzeit das letzte Album „Automation Baby“ abgefeiert. Live und auch in den eigenen vier Wänden. Ein Album, angefüllt mit abzufeiernden Hymnen. Wer sich davon nicht anstecken ließ, der steht wohl womöglich einfach nicht auf Synthie-Pop. Aus besagtem Album stammt auch die Überarbeitung von „Adjust Your Set“. In meinen Ohren ziemlich gelungen, wenn auch Mesh hier ein Stück weit mehr in eine Richtung irgendwo zwischen den Pet Shop Boys und Depeche Mode rücken (oder gerückt werden). Aber das ist ja nichts schlechtes. Es gibt manchmal Songs, die bewusst oder unbewusst geschaffen wurden, die Zeit zu überdauern. Dies hier ist einer davon.

Pride And Fall – Norden On Fire:

Die Norweger verabschieden sich langsam aber sicher immer mehr aus dem Bereich „leicht konsumierbarer FuturePop“ und machen stattdessen in letzter Zeit lieber Electromucke mit Düsteranstrich, die deutlich mehr den Verstand als die Beine kitzelt. Das 2013er Album „Of Lust And Desire“ war schon nicht ganz einfach, dafür aber umso großartiger. „Norden On Fire“ setzt diesen Weg konsequent fort. Tolle Melodien, eindringlicher Gesang, aber keine Partyhymne. Aber das muss es ja auch nicht immerzu sein, oder?

Seabound – When She’s Hungry (Iris Mix):

In die gleiche Richtung nicht ganz einfacher Elektronikmusik ging auch das letzte Seabound Album „Speak In Storms“. Inhaltlich und musikalisch über jeden Zweifel erhaben ließ es doch die großen Gassenhauer vermissen. Für mich persönlich kein Beinbruch, da ich andere Qualitäten schätze und die mir wichtiger sind, aber für manchen Hörer… nun ja. Ich habe da so einige Diskussionen miterlebt. „When She’s Hungry“ gehörte definitiv nicht zu den Songs, die am leichtesten ins Ohr gingen. Ganz groß dieser Song, wie ich finde, erfordert aber nach wie vor volle Aufmerksamkeit vom Hörer. Auch in der behutsamen Bearbeitung durch Iris. Ein Partysong ist das auch jetzt nicht. Ich hege aber auch leichte Zweifel, dass dies die Intention war. How many bullets do you have?

This Morn’ Omina – Kachina Red (End Of The World):

Es darf auch gerne mal ein bisschen härter sein? Dann kommen This Morn’ Omina mit ihrem „Kachina Red“ sicher ganz recht. Treibend, tanzbar und ein schönes Brett willkommener Unbequemlichkeit. Ich sehe scharenweise Finsterlinge im Stroboskopfeuer förmlich vor meinem inneren Auge zu dieser Nummer abzappeln. Die im weitesten Sinne an einen Marsch erinnernde Brücke im letzten Drittel trägt ein Übriges dazu bei. Ich finde es gerade schwierig, diese Zeilen zu tippen – mein Körper möchte sich bewegen, nicht vor dem Monitor kleben.

Decoded Feedback – Heart Of Stone (Duet):

Der ganz große Durchbruch blieb diesem Finsterelektro-Projekt aus Kanada hierzulande irgendwie bisher verwehrt. Dennoch gehören sie zu einer festen Hausnummer wenn es darum geht, eher melodische anstatt brachiale Songs zu zimmern. Dieses schnuckelige Duett mit seinen fetten Synthieteppichen zeigt auf, warum das so ist. Sicherlich: es setzt keine neuen Standards, liefert auch keine neuen Impulse. Es ist viel mehr eine willkommene Verfeinerung eines althergebrachten Rezepts mit bekannten Zutaten.

Fix8:Sed8 – Hiob:

Elektronische Musik kann man feiern oder aber sich in ihr verlieren. Sie kann der Soundtrack für das eigene Kopfkino sein. Letzteres ist für mich seit Jahr und Tag der dystopische Sound von Fix8:Sed8. Stets eine Spur neben der Bequemlichkeit und doch immer gerade so konstruiert, dass es sich dennoch gut weghören lässt. Auch wenn die durch die Musik geschaffenen Bilder manchmal dafür sorgen, dass man sich in der eigenen Haut ein bisschen unwohl fühlt. „Hiob“ macht da keine Ausnahme. In einer Zeit, wo „Dark Electro“ vor allem nur noch ein Etikett ist, macht Fix8:Sed8 tatsächlich noch düsteren Electro. Kalt, mechanisch, ohne Rücksicht auf Verluste. Es müsste aktuell noch viel mehr Künstler wie diesen geben – zum Lachen ist unsere Welt derzeit nun wirklich nicht. Ein Schwanengesang ist da mehr als angebracht. Wer „Dormicum“ mochte, wird an „Hiob“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Gefallen finden!

Click Click – Keep Us Out Of The Way (The Devils Politician):

Klassischer EBM in frischem Gewand – so ließe sich das (bisherige) Tun von Click Click umschreiben. Das EBM-Urgestein, das erst 2014 mit „Those Nervous Surgeons“ erneut auf der Bildfläche erschien, zeigt mit diesem erfrischenden Stück, das mit ihnen nach wie vor zu rechnen ist. Schwer, bedrückend, ja nahezu die Luft zum Atmen nehmend – „Keep Us Out Of The Way“ ist ein Song, der das Adjektiv „düster“ mehr als verdient hat. Die massiven Bässe sind dabei nur das Tüpfelchen auf dem i. Wenn künftig in Science Fiction Filmen irgendwas ganz böse in die Hose geht, könnte das die musikalische Untermalung sein. Oh, warte – die Realität ist am Arsch genug. Endzeitstimmung für den modernen Menschen und seine Welt. Ganz großes Kino!

Alles in allem ist die „Dependence 2015“ eine Art Hybrid aus der „Septic“-Reihe und den bisherigen „Dependence“-Veröffentlichungen geworden. Beborn Beton beispielsweise war bisher noch nicht bei Dependent zu hören, This Morn’ Omina auch nicht. Wenn das ein Ausblick darauf sein sollte, was uns aus Gelsenkirchen in naher Zukunft erwarten sollte – ja bitte, herzlich willkommen! Ansonsten gilt nach wie vor das Motto der Compilation: next level electronics.

Dass ich Dependent-Fan bin, daraus mache ich seit Jahr und Tag keinen Hehl. Warum bin ich Fan? Kein anderes Label der Düsterszene hat eine derart hohe Trefferquote, was hochwertige Veröffentlichungen angeht. Tatsächlich würde ich sogar soweit gehen wollen und sagen: völlig egal, was die da raushauen – man kann es blind kaufen. Ganz gleich, ob man die jeweiligen Künstler:innen bereits auf dem Schirm hatte oder nicht. Die „Dependence 2015“ bestätigt mich einmal mehr in meiner Meinung. Eine gelungene Werkschau, mit Sachverstand und Liebe zur Musik ausgewählt und zusammengestellt. Exklusives und unveröffentlichtes Material, durch die Bank weg sehr gelungen. Von ein paar Bands, die zur obersten Speerspitze im Bereich Düsterelectro für anspruchsvolle Genießer:innen gezählt werden müssen – was mehr kann man von einer Album für knapp 13 Euro erwarten? Siehste. Wie schon in den Jahren zuvor: eine rundherum gelungene Werkschau des Hauses Dependent. Zurück zu der Sache mit dem Freuen: ich freue mich jetzt auf die nächste „Septic“. Da gibt es noch so viel mehr, was wir nicht kennen und ich bin mir sicher, in Gelsenkirchen betreibt man derzeit eifrige Perlentaucherei.

Erscheinungsdatum
27. März 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Various
ALBUM
Dependence 2015
LABEL
Dependent Records
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