Foto: Michael Kanzler / Music Evangelists

Neuroticfish – A Sign Of Life

Wenn die Wartezeit vielleicht zu lang war und Erwartungen sich nicht mit den Ergebnissen decken

Ich erinnere mich noch gut an meinen Erstkontakt mit Neuroticfish 2013 auf dem Blackfield Festival in Gelsenkirchen und an meinen allerersten Gedanken: „Man gut dass ich die Bilder eh in schwarz-weiss fotografiere, das rot-blau-karierte „Al“-Borland-Gedächtnis—Flanell-Hemd geht als Bühnenoutfit auf dem Blackfield doch gar nicht. Wer ist das?“ Danach folgte ein erstklassiger Auftritt von Neuroticfish und ich war froh, dass ich die Kamera nach drei Songs einpacken konnte. Wow, Sascha Mario Klein schreibt Texte, da bekommt man schon mal glasige Augen, wenn es die momentane Stimmungslage so exakt trifft. So war das Anno 2013. Heute geht es um erneute Lebenszeichen der Bochumer Band, die ihre Wurzeln ja bereits in den 90ern hat. Nach der Auflösung 2008 kündigte die Band 2012 wie aus dem Nichts ein neues Album an, auf welches wir dann doch noch bis zum 27.03.2015 warten sollten. Ob „A Sign Of Life“ das lange Warten wert war, habe ich mir genau angehört.

Mit dem Intro „Rose“ führt Henning Verlage, der seit 2003 für Produktion und Keyboards verantwortlich ist, den Hörer zunächst mal sachte an die Musik von Neuroticfish heran. Von wem sich Henning inspirieren ließ, bleibt sich sein Geheimnis, doch mir kam spontan Covenant-meets-Jean Michel Jarre in den Sinn.

Den nächsten Titel, „Silence“ kennen Neuroticfish-Fans bereits von der gleichnamigen EP, mit der uns die beiden Musiker 2014 die Wartezeit verkürzt haben. Ein treibender Beat und die typische verfremdete Gesangstimme, dazu ein Text mit Botschaft, das sind die Zutaten für einen Neuroticfish-Song, der zum Tanzen einlädt.

Depend On You“ tritt gleich in die Fußstapfen von „Silence“, zumindest dachte ich das. Der Song wirkt etwas frischer und moderner. Super denke ich zu Beginn noch, okay, das erste Dubstep-Break klingt ein wenig nach Mesh und die finde ich ja auch klasse. Was dann allerdings zum Finale des Songs so aufgefahren wird, spaltet sicher die Gemeinde. Ganz schön mit Dubstep überwürzt, doch absolut partytauglich.

Auf „Opposite Of Me“ bin ich sehr gespannt, wurde der Titel doch leider der schreibenden Zunft vorenthalten.

Agony“ hätte das Zeug, der Song für Harmoniesüchtige zu werden. Wäre da nicht wieder ziemlich viel von diesem Gewürz namens Dubstep drüber gekippt. Die Botschaft des Textes ist klasse und „Agony“ mutet schon ein wenig als Ballade an, doch manchmal ist weniger vielleicht doch mehr. „I’m a sucker for purity“ lautet ironischerweise eine Textzeile von Sascha.

Live haben die Neuroticfish-Fans „Former Me“ sicher schon gehört. Auch die 100 Besitzer der Limited „Behaviour„-EP 2013 kennen ihn bereits. Der Futurepop-Song geht ordentlich ans Werk und ist ein typischer Neuroticfish-Track. Der Orchestral-Hit als Instrument nutzt sich zwar schnell ab, doch das macht „Former Me“ mit Tempo wieder gut.

The Creep“ beginnt ein wenig wie ein Soundtrack und entpuppt sich dann als Spitze des Spannungsbogens. Synthie-Lead und tragender Beat dominieren zunächst. Nachdem Sascha Mario Klein die ersten Zeilen gesungen hat, kommt die Überraschung. Denn Jaymie Valentine von Cindergarden hat sich als Gast-Vocalistin unter die neurotischen Fische gesellt. Sehr gelungenes Duett, zu dem Jaymies Vortrag gut zur Stimmung des Songs passt.

Mit „Blunt Force Trauma“ verhält es sich wie mit „Opposite Of Me“, stand zum Vorhören nicht zur Verfügung.

Etwas EBM aus der Feder von Neuroticfish gefällig? „Is It Dead“ beschränkt sich auf das wesentliche an Instrumentierung. Keine Synthie-Flächen, kein überflüssiges Lead-Pad und KEIN Dubstep. Ich freue mich schon auf eine Liveperformance; zu dem Song bebt die Menge. Neuroticfish erteilen offiziell den Tanzbefehl, sehr guter Track.

Auch „Behaviour“ lockt wieder auf die Tanzfläche. Den Song gab es wie „Former Me“ auch schon auf der limitierten 2013er EP und hält sich wieder an das neue Rezept für Neuroticfish-Dance-Tracks: Treibender Beat, Synthesizer, Kleins Gesang und eine Prise Dubstep (kein ganzer Eimer).

Der Song „Caliban“ macht richtig Spaß und hätte meinem Empfinden nach als erstes auf das Album gepasst. „Caliban“ ist ein echter Stage-Opener um die Fans anzuheizen und nach langem wieder ein „richtiger“ Neuroticfish-Song.

Somebody“ war ebenfalls bereits auf der „Limited„Behaviour“-EP. Ein Futurepop-Song ohne Schnörkel und Blingbling, dessen Stärke in den Lyrics steckt. Auf die Tanzfläche passt der Song natürlich auch.

Der Track „Faith“ ist bis auf ein paar Text-Samples instrumental und klingt etwas space-ig. Doch gerade die Samples machen den Song aus, die Musik schafft die entsprechende Atmosphäre. „Faith“ ist definitiv kein Füllmaterial, sondern verleiht dem Album wieder etwas Soundtrackcharakter. Mich erinnert der Track ein wenig an etwas aus der Feder von Stefan Poiss.

The Standard Redux“ greift zunächst die karge Stimmlosigkeit von „Faith“ auf, Musik und später einsetzender Gesang versprühen eine depressive Grundstimmung. Der Rhythmus lässt den Hörer allerdings nicht in Depressionen verfallen, sonder besitzt etwas aufmunterndes.

Bereits vor zwei Jahren veröffentlichten Neuroticfish „Illusion of Home“ in einer Rohfassung auf Soundcloud. Das neue Album sollte ja bald kommen… Die Livedarbietung hatte mich seinerzeit vollkommen überzeugt, dass Neuroticfish da mit einem ganz großen Album kommen werden.

Zwei Jahre lang haben uns Neuroticfish nach der Ankündigung für ein neues Album schmoren lassen. In all der Zeit sollten sie also das ultimative „Wiederauferstehungs-Album“ gezaubert haben. Live hatten mich Sascha Mario Klein und Henning Verlage bereits vollkommen von ihrem musikalischen Geschick überzeugt. Die Titel kommen immer sehr authentisch rüber, Lyrics und Musik sind sorgsam aufeinander abgestimmt und die Botschaft, die in den Songs steckt, geht doch schon sehr unter die Haut. Leider will dieser Funke auf dem Album nicht so recht überspringen. „Silence“ und „Behaviour“ sind gute Club-Tracks, doch schon ein paar Tage älter. Hinzu kommt die gehörige Portion Dubstep, ein Trend, den wir doch eigentlich im letzten Herbst schon überwunden glaubten. Man meint beinahe erraten zu können, wann in den letzten Jahre welcher Song entstanden ist. Vielleicht waren auch meine Erwartungen aufgrund der sehr langen Vorankündigungszeit einfach zu hoch. „Former Me“ und „The Creep“ gehören für mich definitiv zu den beiden stärksten Songs des Album, die sind der absolute Hammer, danke Sascha und Henning dafür. „Is It Dead“ bringt die Massen zum Toben, Neuroticfish gehören eben auf die Bühne. See you on stage.

Erscheinungsdatum
27. März 2015
BAND/KÜNSTLER:IN
Neuroticfish
ALBUM
A Sign Of Life
LABEL
NOR
Unsere Wertung
7.7
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Neuroticfish – A Sign Of Life
FAZIT
Zwei Jahre lang haben uns Neuroticfish nach der Ankündigung für ein neues Album schmoren lassen. In all der Zeit sollten sie also das ultimative „Wiederauferstehungs-Album“ gezaubert haben. Live hatten mich Sascha Mario Klein und Henning Verlage bereits vollkommen von ihrem musikalischen Geschick überzeugt. Die Titel kommen immer sehr authentisch rüber, Lyrics und Musik sind sorgsam aufeinander abgestimmt und die Botschaft, die in den Songs steckt, geht doch schon sehr unter die Haut. Leider will dieser Funke auf dem Album nicht so recht überspringen.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
8.5
GESANG
7.9
PRODUKTION
7.5
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
7
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Über weite Strecken gefälliger Düster-Electro.
NEGATIV
In der uns vorliegenden Promo fehlten ein paar Songs, aber es ist fraglich, ob die fehlenden Stücke das Ruder noch in Richtung Top-Album herumgerissen hätten.
Bisschen weniger Dubstep-Momente hätte auch gereicht.
7.7
PUNKTE

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