Foto: Helen Sobiralski

The Dark Tenor – Symphony Of Light

In der Liste der Flops des Jahres weit vorne mit dabei

Penetranz zahlt sich aus, oder wie war das? Selbst für Verweigerer wie mich, die sehr gezielt und sehr wählerisch unterwegs sind was den Medienkonsum anbelangt, war es in den vergangenen Wochen schwer bis unmöglich, The Dark Tenor zu entkommen. Da wurden hier und da Webisoden gestreut, die Marketingmaschinerie in Form gesponsorter Beiträge lief auf Hochtouren – wenigstens der Werbung im Flimmerkasten konnte ich mangels eines entsprechenden Empfangsgerätes entkommen. Universal Music, der große Spieler im Hintergrund, versucht hier also einmal mehr, einen Neuling mit aller Macht in den Markt zu drücken und zu entsprechendem Erfolg zu verhelfen. Bereits 45tausend Facebook Fans sprechen da eine deutliche Sprache, wenn man sich vor Augen führt, dass das Debütalbum „Symphony Of Light“ erst an diesem Freitag veröffentlicht wurde. Schon jetzt kann ich Euch sagen: das alles kommt mir auf eigentümlich Unheilig-e Weise gemacht vor. Gucken wir mal, womit sich der dunkle Tenor in Eure Herzen und Ohren trällern möchte.

The Dark Tenor vereint auf seinem Erstlingswerk klassische Musik mit modernen Pop-Elementen. Wow. Das ist neu, das ist innovativ und ganz sicher noch nie da gewesen. Mir würden spontan auch auf gar keinen Fall diverse Beispiele einfallen, wo ähnliche Wege bereits vor dem dunklen Tenor beschritten worden wären. Der ausgelatschte Trampelpfad ist sicher nur rein zufällig da. Ein bisschen komisch ist es ja schon, wie im Pressetext dieses „Symphony Of Light“ angepriesen wird. „Tim Burton meets Pavarotti auf LSD trifft auf „Beetlejuice“-Romantik und Gänsehaut pur“, heißt es da. Gänsehaut stimmt schon. Vor Entsetzen. Normalerweise ist spätestens nach so einer Umschreibung der Punkt erreicht, an dem die Mail in den Papierkorb wandert. Aber ok, wenn entsprechendes Können am Werk ist, lässt sich Klassik ja durchaus mit anderen Genres vereinen. Lacrimosa ist für mich hier nach wie vor ein leuchtendes Beispiel dafür, dass kompositorisches Fachwissen durchaus auf metallische Härte treffen und sich zu einem neuen Ganzen vereinen kann. Bevor wieder einer nörgelt: es ging mir hier um das musikalische Können Tilo Wolffs, nicht um Inhalte. Eine ähnliche Leistung sucht man beim Dark Tenor leider vergeblich.

Die Figuren, die rund um den dunklen Tenor im Hintergrund wuseln, geben sich größte Mühe damit, die Identität des Sängerknabens geheim zu halten. Für uns Konsument:innen ist scheinbar nur wichtig zu wissen, dass wir es mit einem ausgebildeten Opernsänger zu tun haben, der sich in seiner optischen Erscheinung an Stilmitteln aus der Gothic-Szene bedient. Die obligatorischen Dunkelgewänder in Assassin’s Creed-Optik, Silberschmuck und Tattoos inklusive. Wenn man auf dem Weg zum Erfolg ein paar Finsterlinge als Käufer:innen des Albums gleich noch mitnehmen kann, warum denn auch nicht. Schließlich ist man im gleichen Pressetext bemüht darauf hinzuweisen, dass sich der Dark Tenor zwischen zwei Welten bewege: der des Lichts nämlich mit einer Faszination für die dunkle Seite. Aha. Ich spüre gerade schon wieder, wie mir die Galle hochkommt vor lauter Gemache.

Nun ja. Zurück zur Musik. Wie bereits erwähnt: sonderlich viel kreative Eigenleistung ist hier leider nicht zu erleben. Die 14 durchweg hochwertig instrumentierten und produzierten Songs, an deren Verhackstückelung der Tenor auch komponierend und instrumentierend mitarbeitete, wirken wie ein Raubzug durch die klassische Musik. Beethovens fünfte Sinfonie bleibt dabei genauso wenig verschont wie Mozarts Königin der Nacht aus „Die Zauberflöte“. Ebenfalls mit auf dem „och das gefällt mir aber“-Zettel standen offensichtlich AllegriHändel und Tschaikowski. Freude schöner Götterfunken! (Die „Ode an die Freude“ ist übrigens auch dabei, spätestens hier wurde mir wirklich schlecht!) Melodien für Millionen, die jeder kennt. Dazu gesellt sich so viel Kitsch, Pathos und Bombast, dass es selbst zum Fremdschämen nicht mehr reicht. Die Eigenleistung beschränkt sich also vor allem darauf, die unsterblichen Melodien mit elektronischen und manchmal einem Hauch rockigen Elementen zu verwässern, während der dunkle Tenor dazu voller Inbrunst Texte trällert, die ein Drittklässler in der Hauptschule unmöglich schöner hätte ausformuliert haben können. Beispiel gefällig? Bitte: Love is all four seasons / fighting with your demons / to have but not to hold / such a twisted fate / we were here to late / your’re the ghost that haunts me / so close but so beyond me. Da geht einem doch das Herz auf. „Symphony Of Light“ ist angefüllt mit solcherlei lyrischen Höchstleistungen. Hier galt vielleicht auch einfach das Motto der Partei: Inhalte überwinden! Hört eh keiner so richtig hin.

Eventuell geht es wirklich gar nicht so sehr darum, was der Tenor zu trällern hat, sondern um die Stimmung, die transportiert werden soll. Dem schöpferischen Geist von Mozart und Kollegen, die sich vermutlich gerade im Grabe um die eigene Achse drehen, ist es zu verdanken, dass wirklich jede:r die Melodien schon beim ersten Hören mitsummen kann. Sich von ihnen mitreißen und zur Träumerei verführen lassen kann. Einfach weil sie seit Ewigkeiten bekannt sind. Da kann auch das pompöse Gehabe des dunklen Tenors fast nichts dran kaputt machen. Spätestens aber nach der „Ode an die Freude“ war bei mir jegliche Toleranzgrenze im Bezug dieses Albums erreicht. Danke bis hierhin, reicht dann aber auch. Fortsetzung ist wirklich nicht nötig. Bitte rufen Sie auch nicht an, wir melden uns.

Dabei ist gar nicht mal alles schlecht hier. Wie erwähnt: die Produktion ist schon gewaltig und donnert gar mächtig aus den Boxen, der Gesang des Tenors ist klar und eindrucksvoll. Steckt den Mann mal in den „Tanz der Vampire“ oder das „Phantom der Oper“, einen Grafen Krolock beispielsweise würde ich ihm eher abnehmen als dieses Geseier. Und auch der Einsatz des Dresdener Kreuzchors als eine Art gregorianische Backgroundkapelle schindet schon ein bisschen Eindruck. Retten kann es das Album allerdings auch nicht mehr. Wer sich von den schönen Melodien einfangen lässt – und das Tun die Menschen schließlich mitunter seit Jahrhunderten – möge sich eher eine Klassik-CD mit den schönsten Melodien der alten Meister kaufen und dieses Machwerk hier ignorieren. Ich höre echt gerne die Werke der altehrwürdigen Komponistengenies, aber bei dieser „Symphony Of Light“ schüttelt es mich! Umgekehrt bleibt allerdings auch die Frage: zu was ist wohl der Dark Tenor imstande, wenn er wirklich durchgängig eigenes schafft und sich nicht an Klassikern vergreift?

Es gibt so Sachen, die sind für mich so gruselig, dass sie jeder Beschreibung spotten. Dieses „Symphony Of Light“ ist eine davon. Ich musste anfangs noch lachen. Später jedoch blieb mir das Lachen im Halse stecken als mir aufging, dass die das hier echt ernst meinen. Ich weiß gar nicht, was mich mehr nervt. Das fängt an bei dem Versuch, ein Mysterium zu schaffen, wo keines ist. Dann sagt uns der dunkle Tenor halt nicht, wer er ist. Na und? Who cares? Geht damit weiter, dass ich den ganzen Quatsch hier dermaßen überzogen und unauthentisch empfinde, dass mir als Musikliebhaber der Kamm schwillt. Es endet damit, dass ich das Verwursten von Meisterwerken klassischer Musik zu bombastgeschwängerten, vor Kitsch nur so triefenden Popsongs eher für Blasphemie und nicht für wirkliches Können halte. Das einzige, was ich hier als beachtlich anerkenne, ist die Stimmgewalt des Tenors. Mag der Tenor noch so sehr an den Kompositionen beteiligt gewesen sein und sich nebenbei als Multi-Instrumentalist bewiesen haben – das verblasst irgendwie angesichts des Ergebnisses. Einzig: Singen kann er unbestreitbar. Ich bin aber der Meinung, dass er auf der Bühne eines Opernhauses besser aufgehoben wäre. Universal muss scheinbar eine Lücke schließen, nachdem der unheilige Bernd kürzlich seinen Rückzug verkündet hat. Die zielgruppentechnische Schnittmenge zwischen Unheilig und The Dark Tenor, und sei die Musik noch so verschieden, wird wohl die gleiche sein. In meiner persönlichen Hitliste der Gurken des Jahres ist dieses Machwerk jedenfalls ganz oben mit dabei. Ich geh mir jetzt die Ohren waschen.

Erscheinungsdatum
10. Oktober 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
The Dark Tenor
ALBUM
Symphony Of Light
LABEL
Universal Music
Unsere Wertung
4.1
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
The Dark Tenor – Symphony Of Light
FAZIT
Ich weiß gar nicht, was mich mehr nervt. Das fängt an bei dem Versuch, ein Mysterium zu schaffen, wo keines ist. Dann sagt uns der dunkle Tenor halt nicht, wer er ist. Na und? Who cares? Geht damit weiter, dass ich den ganzen Quatsch hier dermaßen überzogen und unauthentisch empfinde, dass mir als Musikliebhaber der Kamm schwillt. Es endet damit, dass ich das Verwursten von Meisterwerken klassischer Musik zu bombastgeschwängerten, vor Kitsch nur so triefenden Popsongs eher für Blasphemie und nicht für wirkliches Können halte. Das einzige, was ich hier als beachtlich anerkenne, ist die Stimmgewalt des Tenors.
INHALT/KONZEPT
2
TEXTE
1
GESANG
8
PRODUKTION
6.5
UMFANG
5
GESAMTEINDRUCK
2
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Singen kann er gut, der Tenor, aber ...
NEGATIV
... das war es dann auch schon mit den positiven Seiten.
Die Texte sind auf Grundschul-Niveau.
Die Produktion gleichermaßen hochwertig wie überbordend mit Kitsch und Pathos.
Ein insgesamt ausgelutschtes Konzept, das in der vorliegenden Fassung nervt.
Das Album verleitet leider zum Fremdschämen.
4.1
PUNKTE

Kommentar verfassen