Quelle: Zett Records

Tomas Tulpe – Wie wär’s mit Senf?

Die wichtigsten Themen des Lebens in feinsten Electro-Clash verpackt

Es ist jetzt ungefähr zwei Jahre her, da hatte ich an dieser Stelle das Vergnügen, Euch einen begnadeten jungen Künstler vorzustellen. Einen Künstler, der als „elektronische Bühnenwurst“ angepriesen wurde und der mit seinem Debütalbum „Hatschi!“ den Blick auf Dinge richtete, die man im hektischen Alltag viel zu schnell aus dem Fokus verliert. Die Rede ist von Tomas Tulpe, der in Kürze sein zweites Album auf die Menschheit loslässt veröffentlicht. Alleine schon der Titel des Albums stellt eine berechtigte Frage: „Wie wär’s mit Senf?“. Stück Brot dazu wäre auch ok gewesen.

Eines will mir nicht so richtig in den Kopp gehen: ich brüte hier gerade über dem Pressebeipackzettel. Warum zum Henker wird Tomas Tulpes zweites Album als „die neue Eighties-Comedy-Elektro-Granate“ gefeiert? Versteh ich nicht. Haben die Verantwortlichen aus „Hatschi!“ damals nichts gelernt? Ein Album, das uns erklärt, dass Kaffee kein Erfrischungsgetränk ist sondern Muntermacher, dass man aus Kostengründen auch Klosteine statt Seife nehmen könne und in dem Zusammenhang nach dem Pippi und vor dem Essen das Händewaschen nicht vergessen solle ist nicht weniger als ein absolut ernstes Album! Eines dieser Sorte, die gemacht werden müssen, weil die Musikwelt sonst nur noch von belangloser Unterhaltungsmusik dominiert werden würde. Stellt Euch nur mal vor, alle Welt besänge nur noch die Liebe, bekundete Welt- und/oder Seelenschmerz oder schmetterte politische Protestsongs. Furchtbar? Ja? Na also. Gut, dass es mit Tomas Tulpe wenigstens noch einen Barden gibt, der die wirklichen Probleme thematisiert. Er tat es auf „Hatschi“ mit elektronischer Tanzmusik, die von Unbedarften oft als „abgefahrene Mischung verschiedenster Versatzstücke aus dem Bereich Electro“ umschrieben wurde. Synthesizertanzmusik, die mit Minimal und NDW liebäugelt, käme auch hin.

Dieser Mixtur bleibt Tulpe auf „Wie wär’s mit Senf“ treu. Und findet doch noch Mittel und Wege, der eh schon umfangreichen Klangvielfalt noch neue Seiten abzugewinnen. „Issat Tach issat Nacht“ beispielsweise ist ein wilder Ritt auf einem Karussell, an das durchaus Seeed geschrieben stehen könnte. „Fett schwimmt oben“ würde woanders womöglich musikalisch als Düsterelektro verkauft werden. Halten wir fest: wo Tomas Tulpe angeschrieben steht, ist klanglich auch immer noch Tomas Tulpe enthalten. Sehr zur Freude von Normalkonsument:innen auch inhaltlich! „Schmier eine Schnitte“ dokumentiert die Wichtigkeit der eigenen Mutter. Wer sollte denn bitte auch sonst das Pausenbrot fertig machen? Siehste. „Hausverbot im Späti“ erzählt von dem ernsthaften Problem, irgendwann nachts auf dem Trockenen zu sitzen, sich mit letzter Kraft und größtem Durst zur Bastion der Hoffnung, dem Spätverkauf, zu schleppen – nur um dann eiskalt abgewiesen zu werden. Man kann sich doch mal daneben benehmen, muss man deshalb gleich so ausgegrenzt werden? Erzieherische Maßnahmen ergreift Tomas Tulpe übrigens auch. Und man kann ihm nur beipflichten, wenn er sagt: „Nimm die Hände aus den Taschen mein Junge, das sieht doch nicht aus“ und „Ficken sagt man nicht“. Ist doch wahr, ey! Nur einer von vielen Gründen, auszurasten. Oder eben: „Ich rasta aus!

Ihr merkt schon: bei all diesen tiefgreifenden Problemen, die uns Tomas Tulpe hier einmal mehr ungeschönt vorhält, ist es doch kein Wunder, dass man irgendwann feststellt: Ich hab nur Knete im Kopf, ich hab den Schuss nicht gehört. Ich hab nur Knete im Kopf, ich bin total gestört. Gäbe es mehr Künstler:innen wie diesen Tulpe, wir würden uns sicher viel bewusster und aufmerksamer durch den Alltag bewegen. Wenigstens gibt es diesen einen, der den täglichen Kampf gegen die Windmühlen weiterhin tapfer aufnimmt. Von mir aus auch mit etwas Salz darüber. Und wenn alles nicht hilft, dann bleibt immer noch der genussvolle, verantwortungsvolle Umgang mit Allohol: „Wir trinken wenig„.

Ich möchte mich bei Tomas Tulpe bedanken. Für den Mut, die wirklich wichtigen Probleme des Lebens zu thematisieren. Wer das musikalische Treiben des Berliners für eine abgefahrene, überzogene Form der Satire hält, der stand noch nie mitten in der Nacht durstig ausgesperrt vor einem Spätverkauf! Und dass wir alle ohne schnittenschmierende Mutter nicht einmal halb so weit gekommen wären, ist auch klar. Keine politischen Gesamtbetrachtungen, kein Weltverbesserungsgelaber – nur die kleinen und noch kleineren Geschichten, die den Durchschnittsbürger im Alltag bewegen. Mal ehrlich: was die da oben in Berlin oder Brüssel treiben, interessiert doch eh keinen mehr. Aber wenn das Jungvolk mit Händen in den Taschen durch die Gegend flaniert – das sieht einfach wirklich nicht aus! Deshalb: danke nochmals Tomas Tulpe. Genauso wie schon „Hatschi“ wird alles in hochwertigstem Elektronikgewand präsentiert. In einer Welt, in der 42 die Antwort auf alles ist, kann „Wie wär’s mit Senf?“ die Frage nicht gewesen sein. Und wenn Tulpe singt, dass ALDI-Bier scheiße schmeckt – nun, wer möchte da nicht zustimmen?

Erscheinungsdatum
4. September 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Tomas Tulpe
ALBUM
Wie wär's mit Senf?
LABEL
Zett Records
Unsere Wertung
7.8
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Tomas Tulpe – Wie wär’s mit Senf?
FAZIT
Wer das musikalische Treiben des Berliners für eine abgefahrene, überzogene Form der Satire hält, der stand noch nie mitten in der Nacht durstig ausgesperrt vor einem Spätverkauf! Und dass wir alle ohne schnittenschmierende Mutter nicht einmal halb so weit gekommen wären, ist auch klar. Keine politischen Gesamtbetrachtungen, kein Weltverbesserungsgelaber - nur die kleinen und noch kleineren Geschichten, die den Durchschnittsbürger im Alltag bewegen. Mal ehrlich: was die da oben in Berlin oder Brüssel treiben, interessiert doch eh keinen mehr. Aber wenn das Jungvolk mit Händen in den Taschen durch die Gegend flaniert - das sieht einfach wirklich nicht aus! Deshalb: danke nochmals Tomas Tulpe. Genauso wie schon „Hatschi“ wird alles in hochwertigstem Elektronikgewand präsentiert. In einer Welt, in der 42 die Antwort auf alles ist, kann „Wie wär’s mit Senf?“ die Frage nicht gewesen sein. Und wenn Tulpe singt, dass ALDI-Bier scheiße schmeckt - nun, wer möchte da nicht zustimmen?
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8.5
GESANG
6.5
PRODUKTION
8
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Niemand bearbeitet wichtige Themen des täglichen Lebens mit solcher Konsequenz wie Tomas Tulpe!
Electro-Clash vom Feinsten.
NEGATIV
Vielleicht etwas zu kurz geraten.
7.8
PUNKTE

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