Foto: Brandon Cox

Linkin Park – The Hunting Party

Nach den letzten beiden Alben, die eher ruhig ausgefallen sind, hauen Linkin Park hier so richtig auf die Pauke - laut, wütend, brachial

Da habe ich mich ganz offensichtlich vertan: nach „A Thousand Suns“ und „Living Things“ hätte ich durchaus angenommen, dass die Zeiten von Sturm und Drang im Hause Linkin Park der Vergangenheit angehören würden. Dass die Zeiten, in denen sich das Sextett den Frust über dieses oder jenes von der Seele wütet, vorbei seien und man sich stattdessen auf gefälligen, wenn auch im Mainstream positionierte Rockmusik für über 30-jährige konzentrieren würde. Ein bisschen krawallig zwar, aber dann doch wiederum nicht so dolle, damit es sich noch verkauft und Kund:innen gewöhnlicher, Musik vertreibender Elektronikmärkte nicht ohrenreibend das Weite suchen. Es hätte wohl niemand erwartet, dass Linkin Park der Musikwelt im Jahr 18 nach Bandgründung das härteste Album seit dem Debüt „Hybrid Theory“ vor den Latz ballern würde. Vielleicht sogar das bisher härteste Album überhaupt! Aber genau das ist mit „The Hunting Party“ geschehen. Überrascht aus der Wäsche gucken ist das mindeste, was sich bei diesem Brett von einem Album aufzwängt. Linkin Parks Jagdsaison ist eröffnet.

Für die letzten beiden Alben „A Thousand Suns“ und „Living Things“ haben Linkin Park viel Lob kassiert, sich aber auch eine Menge Kritik gefallen lassen müssen. Es gab so einige Konsument:innen und Musikkritiker:innen, die Linkin Park inzwischen komplett als Mainstream-Band abgetan hatten. Alles schön verspielt, alles schön eingängig und bitte dabei nicht so viel Krawall, dass sich zu den bisherigen gut 70 Millionen Tonträgern (!) noch ein paar mehr absetzen lassen. Vielleicht auch unter Käufer:innenschichten, denen Linkin Park ansonsten stets „zu hart“ war. Ich gestehe, dass ich mit den letzten beiden Alben genauso viel Spaß hatte wie mit den ersten beiden. Einzig „Minutes To Midnight“ ist für mich in der Bandgeschichte das Album, das mich so gar nicht kickt. Für mich waren „A Thousand Suns“ sowie „Living Things“ stets konsequente Schritte in der Evolution der Band. Die Themen, welche die Herren Linkin Park in frühen Jahren erzürnten, waren inzwischen hinreichend abgearbeitet, zudem hatten wir es ja mittlerweile auch nicht mehr mit rebellischen Zwanzigjährigen zu tun. Es machte für mich einfach Sinn, dass die Band mit dem Älterwerden auch etwas ruhiger, dafür in punkto Arrangements und Produktion immer ausgefeilter wurde. Und nun das.

Wenn die ersten Töne von „Keys To The Kingdom“ ertönen und uns Chester Bennington die folgenden Zeilen ins Gesicht schreit dann ist klar, dass hier ein ganz anderer Wind weht: No control, no surprise / Tossed the keys to the kingdom down that hole in my eye / I’m my own casualty / I fuck up everything I see, fighting in futility. Dieser Bastard aus (Nu-)Metal und Punk verzichtet weitgehend auf die gewohnten elektronischen Spielereien, geht aber mit 110% Druck nach vorne – und macht die Marschrichtung für den Rest des Albums mehr als klar. Linkin Park haben scheinbar wieder eine Scheißwut im Bauch – und sie will raus. „Wir sind keine 18-jährigen Kids, die ein lautes Album machen. Wir sind 37-jährige Erwachsene, die ein lautes Album machen. Und was uns heute ärgerlich macht ist etwas anderes als das, was uns früher ärgerlich machte“, sagt Mike Shinoda dazu. Hätte man die Gründe für das Herumgewüte auf früheren Alben in der Biografie der Bandmitglieder suchen können, so sind es heute andere Dinge fernab der eigenen Geschichte, die der Band auf den Keks gehen.

Da wäre beispielsweise die aktuelle Musiklandschaft, die Shinoda nicht gefällt. In einem Interview (vgl. Piranha 6/14, S. 12) zeigt er sich enttäuscht darüber, dass so vieles heute so banal, so beliebig und so austauschbar sei. Er sagte, er möge Mumford & Suns, die tolle Stücke schreiben, irgendwann aber stets gleich klängen. Ebenso findet er wenig gute Worte für das letzte Nine Inch Nails-Album, „Hesitation Marks“. Es fehle ihm das Harsche und Direkte, sagt er, diesen Schlag ins Gesicht, der die Hörer:innen wachrüttele. Einer dieser Gründe für Linkin Park, sich mal so richtig Luft zu machen. Nicht jedoch ohne Management und Plattenfirma darüber vorab in Kenntnis zu setzen, dass das neue Album ein Wagnis sei. Den geforderten Schlag ins Gesicht gibt es daher auf fast jedem der auf „The Hunting Party“ versammelten 12 Songs, die manchmal sogar schon ein bisschen in den Hardcore Bereich abdriften. „Wastelands“ malt ein düsteres, metaphorisches Gemälde von Linkin Parks Eindruck eines Ödlands namens Musikindustrie. Es gibt aber noch mehr Dinge als die eigene Zunft, die Shinoda auf die Palme bringen. Menschenhandel beispielsweise. Es gibt so vieles in dieser Welt, über dass es sich aufzuregen lohnt, was angeprangert werden muss – und Linkin Park tun es auf diesem Album sehr brachial. Sicherlich: der bekannt-markante Sound ist weiterhin herauszuhören. Und doch ist vieles anders als noch zuletzt. Chester schreit über weite Strecken mehr als dass er singt. Und ein Herr Shinoda überlässt seine üblichen Rap-Einlagen schon mal anderen. Wie etwa in „Guilty All The Same„, das in Zusammenarbeit mit Rapper Rakim entstand. Überhaupt haben Linkin Park für ihr aktuelles Album diverse Gäste eingeladen. So ist unter anderem Daron Malakian, ehemals Gitarrist von System Of A Down, an der Gitarre zu hören. Oder Tom Morello von Rage Against The Machine. Als würden es Linkin Park selbst nicht schon gut genug hinbekommen, übernehmen Gitarrenparts der aggressiven Wüterei Künstler, die genau das in ihren eigenen Bands perfektioniert haben.  Dem gegenüber stehen „Rebellion“ oder „Final Masquerade“, beinahe wie kleine Inseln der Ruhe in dieser rauhen, schonungslosen See namens „The Hunting Party“. Oder „Until It’s Gone„, der pathetische Brückenschlag zur jüngeren Vergangenheit der Band. Dies sind aber Ausnahmeerscheinungen. Auf den Kuschelkurs der letzten beiden Alben haben Linkin Park hier keinen Bock. Er findet auch nicht statt. And this is not negotiation, y’all can hate and wait and see.

Eine Band mit 70 Millionen verkaufter Tonträger und 64 Millionen Facebook-Fans im Rücken hat meines Erachtens nach zwei Möglichkeiten. Die eine ist, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen, es sich weiterhin im Mainstream bequem zu machen, noch mehr Kohle zu kassieren und schön langsam in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Die andere ist: alles zurück auf Anfang und den Geist früherer Tage zurückzuholen, auch wenn man damit Risiken eingeht, Erwartungen ignoriert und (Hör-)Gewohnheiten über Bord wirft. Linkin Park haben sich für Variante zwei entschieden. Und dafür gebührt ihnen großer Respekt. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese musikalische Brandrede in Albumlänge ebenso gut verkaufen wird wie die Vorgänger. Durchschnittliche Radiokonsument:innen jedenfalls fallen als Zielgruppe und Käufer:innen schon mal weg. Gespannung liegt in der Luft ob des weiteren Weges dieser Band.

Oh Boy, was für ein Gewüte! Dass Linkin Park noch einmal derart fuchtig werden würden, damit hatte wohl so richtig niemand gerechnet. Wer immer dachte, die Herren würden inzwischen den Weg des geringsten Widerstands gehen und sich mit radiotauglicher, von Elektronik durchzogener Rockmusik schon mal auf die Frührente vorbereiten, wird mit „The Hunting Party“ so richtig schön vorgeführt. Weitgehender Verzicht auf Elektronik, dafür brachiale Songs, die sich irgendwo zwischen Punkrock und (Nu-)Metal positionieren, mächtig viel Wut und noch mehr Energie zeichnen dieses sechste Studioalbum der Kalifornier aus. Das kann man durchaus sehr gut finden, zumal sie ihre Hörer:innen endlich wieder herausfordern. Vor allem an Tagen, die echt richtig beschissen laufen. Dann ist „The Hunting Party“ ein gutes Ventil, um angestauten Frust herauszulassen. Klasse!

Erscheinungsdatum
13. Juni 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Linkin Park
ALBUM
The Hunting Party
LABEL
Warner Music
Unsere Wertung
8.1
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Linkin Park – The Hunting Party
FAZIT
Oh Boy, was für ein Gewüte! Dass Linkin Park noch einmal derart fuchtig werden würden, damit hatte wohl so richtig niemand gerechnet. Wer immer dachte, die Herren würden inzwischen den Weg des geringsten Widerstands gehen und sich mit radiotauglicher, von Elektronik durchzogener Rockmusik schon mal auf die Frührente vorbereiten, wird mit „The Hunting Party“ so richtig schön vorgeführt. Weitgehender Verzicht auf Elektronik, dafür brachiale Songs, die sich irgendwo zwischen Punkrock und (Nu-)Metal positionieren, mächtig viel Wut und noch mehr Energie zeichnen dieses sechste Studioalbum der Kalifornier aus.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8
GESANG
8
PRODUKTION
8.5
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Laut, wütend, brachial und heftig wie schon lange nicht mehr.
NEGATIV
Laut, wütend, brachial und heftig wie schon lange nicht mehr.
8.1
PUNKTE

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