Foto: Klaus Sahm

Max Giesinger – Laufen Lernen

Der Beweis, dass Teilnehmer von Talentshows manchmal genau das haben: Talent

Junge, sich zur Musiker:in berufen fühlende Menschen nehmen guten Glaubens an Talentshows teil, werden dort verheizt, blamiert und in der Öffentlichkeit bloß gestellt. Allenfalls Sieger:innen winken am Ende fünf Minuten des Ruhms in Form eines hastig zusammengezimmerten Albums, Auftritten hier, Knebelverträgen da, bevor sich das öffentliche Interesse dem nächsten Opfer zuwendet, das in Sendungen wie „The Voice Of Germany“ als minnesingender Glücksritter vor seine Richter tritt. Einst strahlenden Gewinner:innen bleibt dann oft nur, sich entweder wieder dem wirklichen Leben zu widmen oder, in stiller Hoffnung auf mehr und in Erinnerung an den kurzen Glanz vergangener Tage, auf Betriebsfeiern oder der örtlichen Dorfkirmes aufzutreten. Das ist alles soweit bekannt. Und obwohl inzwischen jede:r auch nur halbwegs zum Schuhezubinden sich in der Lage befindende Bevölkerungsteilnehmer:in wissen müsste, dass das alles nicht zum Weltruhm führt, finden sich immer wieder Aspirant:innen für diese merkwürdigen Talentshows. Einer von ihnen ist – bzw. war – Max Giesinger. Der Karlsruher scheint den Absprung ins „richtige“ Musikgeschäft jedoch geschafft zu haben – schließlich hat „Laufen Lernen“, so der Name seines Debütalbums, über das wir uns jetzt unterhalten wollen, nüscht mit irgendwelchen Talentshows zu tun. Was für ein Glück!

Im schönen Jahre 2011 war es, als Max Giesinger als Teilnehmer von „The Voice Of Germany“ auf sich aufmerksam machte. Der Weg dorthin schien schon mit in die Wiege gelegt gewesen zu sein, bereits in früher Jugend waren er und seine Gitarre ein untrennbares Gespann. Im Verlaufe der Jahre folgten diverse Bandprojekte – die klassische Geschichte, wir kennen das. Interessant ist, dass es Giesinger irgendwann bis nach Australien verschlägt, wo er sich als Straßenmusiker über Wasser hält. Am anderen Ende der Welt nur von seiner Kunst leben zu wollen bzw. zu müssen – jeppa, das kann man in der Tat als harte Schule durchgehen lassen. Nun, zurück in Deutschland schaffte Giesinger es bis ins Finale der besagten Talentshow und die übliche, gnadenlose Maschinerie der Musikindustrie setzte sich in Gang. Es mag der Auszeit in Down Under geschuldet sein, vielleicht auch einfach von purer Dickköpfigkeit her rühren, aber das Verbiegen der schnellen Mark wegen liegt Giesinger nicht. Auf Austauschbarkeit hat er offensichtlich keinen Bock, wenn er zu Protokoll gibt: „Alle Ecken und Kanten wurden weggeschliffen, dabei sind sie es, die mich ausmachen“.

Giesinger beschließt, fortan das Ruder selbst in die Hand zu nehmen. Die Bar des Bassisten wird zu einer Art Wohnzimmer, das Management wird von guten Freunden übernommen und das Debütalbum soll mittels des stetig populärer werdenden Crowdfundings finanziert werden. Mag man von seinem Auftreten in dieser Talentshow halten, was man möchte – der positive Nebeneffekt ist klar, dass Giesinger kein Unbekannter mehr ist, als die Kampagne ins Leben gerufen wird. Daraus resultiert, dass bereits 24 Stunden später das Ziel von 10tausend Euro erreicht ist. Ein Ziel, das wir nun als Ergebnis mit dem Namen „Laufen Lernen“ hören können.

Feinen Gitarrenpop präsentiert Giesinger hier, bei dem irgendwie spürbar ist, dass die Texte nicht mal eben so aus dem Ärmel geschüttelt worden sind. Und dass in Sachen Arrangements und Produktion so viel Mühe und Liebe zum Detail gesteckt wurde, um sofort ins Ohr zu gehen und die Hörerenden am Ende mit einem durchaus guten Gefühl zurückzulassen. Der Einstieg ins Album erfolgt mit dem leichtfüßigen Pop-Rocksong „Kalifornien“, eine kleine Ode ans Fallenlassen und Aufgefangenwerden. Von mir aus auch auf den Neuanfang, der manchmal nur mit Hilfe von außen realisiert werden kann. Erwähnenswert ist auch das unterhaltsame „Irgendwas mit L“. Der One-Night-Stand der letzten Nacht und die Frage: wie war noch mal der Name? Witzige Nummer, gute Laune inbegriffen. „50 Jahre“, verpackt in eine gitarrenballadeskes Gewand, öffnet Türen zu Emotionen und Erinnerungen gescheiterte Beziehungen betreffend, die viele von uns vermutlich ebenfalls unterschreiben könnten. „Du kannst das“ hingegen ist ein optimistischer Aufruf in schön nach vorne gehendem Pop-Rock-Kostüm, bei dem der Name des Songs im Prinzip schon alles verrät. Wie oft kommt es vor, dass man Leuten, die von Selbstzweifeln zerfressen sind, genau eine Aussage wie diese zurufen möchte? Denkbar, dass es eine Betrachtung der Zeit in Giesingers Leben zwischen „The Voice Of Germany“ und Crowdfunding-Kampagne darstellt, in der sich womöglich auch so mancher Zweifel eingeschlichen hat.

Laufen Lernen“ lässt sich gut konsumieren – auch, ohne dass man bewusst hinhört. Dass das Album sich dennoch weit über dem Mittelmaß positioniert, liegt vor allem an Giesingers Gesang in Zusammenspiel mit den clever verfassten Texten. Wo es andere Bands hervorragend verstehen, ihre Hörer:innen so einzulullen, dass die Aufmerksamkeit erst zurückkommt, nachdem schon eine Weile Stille im Raum herrscht, fängt Giesinger sein Publikum rechtzeitig immer wieder ein. Wünschenswert wäre nur gewesen, wenn er die erkämpfte Freiheit genutzt hätte, noch mehr die propagierten Ecken und Kanten herauszustellen. Zur Not halt auch mal auf Kosten der permanent vorherrschenden Eingängigkeit. Oder der radiotauglichen Formulierungen der Texte. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Laufen gelernt hat Max Gliesinger ja jetzt. Vielleicht möchte er beim nächsten Album fliegen?

Erscheinungsdatum
30. Mai 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Max Giesinger
ALBUM
Laufen lernen
LABEL
Edel Records
Unsere Wertung
7.4
WERBUNG (PROVISIONSLINK)

Wir über Musik schreibenden Affen neigen ja dazu, ziemlich in Schwarzweißmalerei zu verfallen. Entsprechend farbliche Akzentsetzung mit Superlativen inklusive. Das heißt, ein Album ist entweder richtig gut oder richtig kacke. Irgendwas dazwischen gibt es oft nicht. Oder es fällt halt unbesprochen hinten runter. Max Giesingers Debütalbum „Laufen Lernen“ ist eines dieser Alben, die irgendwo in der Grauzone dazwischen rangieren – mit deutlicher Tendenz in Richtung positiver Superlative. Dennoch: für die ganz große Begeisterung reicht es noch nicht so richtig, dafür ist das Gebotene über zu viele Strecken eine Spur zu seicht. Und doch lässt Giesinger immer wieder durchblicken, dass noch viel mehr in ihm zu stecken scheint, als die „The Voice Of Germany“ – Klientel zu bedienen. Noch weniger glatt geschliffen und den Fokus noch mehr auf die mitunter wortwitzigen Texte – und schon könnte uns hier das nächste Singersongwriter-Wunder erwarten. Bis dahin allerdings ist „Laufen Lernen“ ein nettes Album, das man gerne hört, womöglich aber zu schnell wieder vergisst.

Max Giesinger – Laufen Lernen
FAZIT
Album sich dennoch weit über dem Mittelmaß positioniert, liegt vor allem an Giesingers Gesang in Zusammenspiel mit den clever verfassten Texten. Wo es andere Bands hervorragend verstehen, ihre Hörer:innen so einzulullen, dass die Aufmerksamkeit erst zurückkommt, nachdem schon eine Weile Stille im Raum herrscht, fängt Giesinger sein Publikum rechtzeitig immer wieder ein. Wünschenswert wäre nur gewesen, wenn er die erkämpfte Freiheit genutzt hätte, noch mehr die propagierten Ecken und Kanten herauszustellen. Zur Not halt auch mal auf Kosten der permanent vorherrschenden Eingängigkeit. Oder der radiotauglichen Formulierungen der Texte.
INHALT/KONZEPT
7
TEXTE
7
GESANG
8
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
7
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Unterhaltsames Debütalbum des Casting-Show-Teilnehmers.
Es ist viel Potenzial zu erkennen, ...
NEGATIV
... dennoch reicht es dieses Mal noch nicht zum Jubelschrei.
7.4
PUNKTE

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