Foto: Andrej Dallmann

Oliver Koletzki – I am O.K

Ein weiteres, musikalisch tolles Großstadtmärchen für die Zeit, wenn der Tag der Nacht weicht

Es ist zwecklos, es leugnen zu wollen: mein Herz schlägt ja für Braunschweig. Von allen Städten, die ich bisher so besucht habe, ist mir die Löwenstadt noch immer die liebste – selbst gegenüber meiner früheren Heimat Berlin. Ich möchte heute auf einen Künstler zu sprechen kommen, der genau den umgekehrten Weg eingeschlagen hat: während es mich aus Berlin in die Region Braunschweig verschlagen hat, zog es Oliver Koletzki dereinst aus Braunschweig nach Berlin. Aber auch wenn der Mann seit inzwischen gut und gerne 14 Jahren in der Hauptstadt residiert – so ganz losgelassen hat ihn seine alte Heimat nicht. Bisher jedenfalls, das wird mit seinem seit einer Woche erhätlichen neuen Album „I am O.K.“ erneut deutlich. Und um genau dieses Album geht es nun.

Monoton und minimal, das war einmal. Seit der Veröffentlichung seines ersten Albums „Get Wasted“ im Jahre 2007 ist Oliver Koletzki, ursprünglich ein Kind meiner geliebten Löwenstadt Braunschweig, weit gekommen. Und hat musikalisch eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt. Die kreativen Anfänge Koletzkis finden sich in seinen Jugendzeiten in Braunschweig. Hier experimentierte Oliver mit einem C64er und Hip Hop Sounds. Es dauerte wohl nicht lange, bis sein Herz anfing, für elektronische Musik zu schlagen. Als damals in den 90er Jahren der Techno groß in Mode kam, wird Oliver Koletzki mitten drin statt nur dabei gewesen sein. Erste Electro-Sounds entstehen an einem altehrwürdigen Atari ST und bereits im zarten Alter von 18 Jahren beginnt er, in Braunschweiger Clubs aufzulegen. Es dauert nicht lange und Koletzki wird zu einem gefragten DJ in der lokalen Szene. Biografische Details verrät der auf „I am O.K.“ enthaltene Song „Hommage“, dazu später mehr. Allerdings heißt es in dem Stück: „Ich war ein Junge aus Braunschweig. Keine Kleinstadt, keine Großstadt. Irgendwas dazwischen, wo man irgendwie was los macht“ – irgendwann war der Ruf einer wirklich großen Stadt jedoch so mächtig, dass Koletzki ihm im Jahre 2000 folgte und nach Berlin umzog. Dort ging die Sache mit dem Erfolg zunächst ungleich schwieriger von der Hand. Fünf Jahre sollten vergehen, ehe Techno-Papst und DJ Superstar in Personalunion, Sven Väth, auf Oliver Koletzkis selbstgepresste Vinyl-Single „Der Mückenschwarm“ aufmerksam werden sollte. Ab dann ging es ganz plötzlich in großen Schritten vorwärts. Väth veröffentlicht den Song auf seinem Label Cocoon Recordings. Und schwupps, offen war die Türe zum Erfolg. Fans und Kritiker waren sich einig, dass sie es bei dem jungen Mann aus Niedersachsen um DEN Newcomer handelte. DJ Verpflichtungen in renommierten Clubs quer durch Europa folgten. Noch im September des Jahres 2005 gründete Oliver Koletzki sein eigenes Label „Stil vor Talent“, das inzwischen Künstler wie Niconé, Sascha Braemer oder Kellerkind beheimatet und dem 2012 mit Light My Fire ein Sublabel folgte. 2007 erschien „Get Wasted“, ein aus heutiger Sicht vergleichsweise monotoner, dennoch intensiver Ausflug in Richtung (Deep) House, Minimal und Techno. Kein Vergleich zu dem zwei Jahre später erschienenen ersten „Großstadtmärchen“, das die neue musikalische Ausrichtung Koletzkis deutlich machte. Die Wurzeln waren noch hör- und spürbar, durch die Gesangsbeiträge von Künstlern wie Juli Holz, seinem Braunschweiger Landsmann Axel Bosse oder Koletzkis Muse Fran, die ihre Texte nicht nur sagen sondern meist auch selbst schrieben, bekam der Sound des Ex-Braunschweigers eine deutlich poppigere, aber auch sehr viel wärmere, emotionalere Ausrichtung. Monoton und minimal war einmal.

2012 folgte „Großstadtmärchen 2“. Ein Album, so angefüllt mit Knallern, dass vermutlich niemand um den ein oder anderen Song drumherum gekommen ist, wer auch nur ansatzweise mit Mainstreammedien in Kontakt kam. Die gleiche Rezeptur wie beim Vorgänger verfolgend – Gesang und Text oft von Gästen, die Musik von Koletzki – aber raffinierter konstruiert. Songs wie „The Devil In Me“ (mit Jan Blomqvist) oder „Karambolage“ (erneut zusammen mit Bosse) beispielsweise laufen heute noch beinahe täglich als Beschallung in dem Elektronikmarkt, in dem ich im richtigen Leben meine Brötchen verdiene. Die Krönung im bisherigen Schaffen Oliver Koletzkis war die Teilnahme am „Music Discovery Project“ unter dem Motto „Minimal Art trifft Deep“, initiiert vom hr-Sinfonieorchester. Hier spielte Koletzki eine Auswahl seiner Songs in der ausverkauften Jahrhunderthalle in Frankfurt/Main unter Begleitung des besagten hr-Sinfonieorchesters. Wer sich das mal anschauen möchte – Youtube liefert ein paar schicke Mitschnitte dieses Konzerts. Unter anderem ist da „Der Mückenschwarm“ zu finden, der mit Orchester nochmals eine ganz neue Tiefe bekommt.

Kommen wir endlich ins jetzt. Wir schreiben Mai 2014 und Oliver Koletzki veröffentlicht mit „I am O.K.“ sein fünftes Album. Der Titel, ein schönes Wortspiel mit Hintersinn. Das von Chrisse Kunst gezeichnete Cover zeigt den Meister im Alter von dreizehn Jahren. Schön mit Nerdbrille und Streifenpullover. Es scheint so, als wollte Koletzki noch einmal in seine Jugend zurück. Dass unser schönes Braunschweig ihn scheinbar nie so richtig losgelassen hat, macht sich immer wieder in seinem Tun bemerkbar. Denken wir zurück an „Großstadtmärchen 2“ – dort befand sich auf der Bonus-CD der Instrumentalkracher „Bohlweg“. Außerdem finden immer wieder im Braunschweiger Brain Klub Stil Vor Talent – Labelnächte statt. Die letzte ist erst wenige Woche her. Das bereits weiter oben im Text erwähnte „Hommage“, das von seiner Braunschweiger Jugend erzählt, schließt ein bisschen den Kreis, der mit der Covergestaltung aufgezogen wird. Zudem ruft es „The Power Of Rausch“ vom Vorgängeralbum zurück auf den Schirm. Ihr erinnert Euch vielleicht, dieser Monolog auf einem Discoklo, kurz vor einem (emotionalen) Absturz. Daran werde wohl nicht nur ich denken müssen, wenn MC Rene in „Hommage“ von einer wilden, aber scheinbar ziemlich geilen Zeit rappt. Ja richtig, der Sprechgesang ist abermals (ein verschwindend kleiner) Teil eines Oliver Koletzki-Albums.

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass der Mann auch auf dem neuen Album die inzwischen bewährte Mixtur beibehalten, aber dennoch weiter verfeinert hat. Das bereits vorab in die Welt gepustete „After All“ (zusammen mit Nörd), glänzt und begeistert durch hübsche, tanzbare Rhythmen, schicke Spielereien, wie sie seit Klangkarussell ganz groß in Mode zu sein scheinen, gefühlvolle Texte und Gesang. Auch Fran ist einmal mehr mit einem Beitrag vertreten. Sie sorgt dafür, dass „Up In The Air“ die federleichte, irgendwie nach Sommernachtspartys schmeckende Hymne geworden ist, die wir hier nun schlussendlich zu hören bekommen. Höhepunkte sind das von 80er Synthies geschwängerte „No Man No Cry“ (mit Leslie Clio), das sich sehr nachhaltig im Gehör festsetzt und ein bisschen an „You See Red“ erinnert, die hübsche Elektro-Ballade „Too Soon“ (nochmals mit Nörd) sowie das instrumentale, von Sprachsamples durchsetzte, mit zartem Klavierspiel angereicherte „Reality“. Definitiv einer dieser Songs, in denen man sich verlieren kann und von denen man sich wünschte, sie würden niemals enden.

Ein paar Brückenschläge zur musikalischen Vergangenheit gibt es in Form des instrumentalen „Bring Me Home“, das trotz oder wegen seinen angedeuteten Gitarrensamples ein bisschen an das Tun eines Paul Kalkbrenners erinnert. „This Love“ ist eine waschechte und lupenreine Club-Nummer geworden, die überall dort eine verdammt gute Figur machen dürfte, wo House als Beschallungsmaßnahme angeschrieben steht. Ähnlich verhält es sich mit „Streetknowledge“, dass Euch zusätzlich mit wirklich tiefen Bässen ganz wunderbar die Innereien massiert. Hach, was für eine Wonne.

Ich habe mich nun mehr als eine Woche lang musikalisch ausschließlich von „I am O.K.“ ernährt. Bei der Schlagzahl, mit der neue Veröffentlichungen hier bei uns angespült werden und angesichts der wenigen Zeit, die neben dem normalen Vollzeitjob noch für den Konsum von Musik bleibt, gleicht das schon einer Ewigkeit. Und ähnlich wie mit den beiden „Großstadtmärchen“ zuvor wird und wird dieses Album einfach nicht langweilig. Selbst wenn ich „Karambolage“ oder „The Devil In Me“ aufgrund täglicher Beschallung inzwischen rückwärts im Schlaf schnarchen könnte – sie sind mir nach vor nicht über. Und das ist etwas, das in meinen Ohren von großem Können zeugt. Mit vergleichsweise wenigen Mitteln Songs zu schaffen, die nicht einem aktuellen Trend folgen oder dem Zeitgeist unterliegen, sondern schlicht der Verwirklichung der eigenen künstlerischen Ambitionen dienen – und gleichzeitig eingängig und gut konsumierbar sind. 26 Jahre ist Oliver Koletzki mittlerweile im Musikgeschäft unterwegs. Mit „I am O.K.“ ist ihm einmal mehr ein höchst abwechslungsreiches Album gelungen, was geschickt mit diversen Stilrichtungen spielt und außerdem das Zeug dazu hat, sehr lange zu unterhalten. Und das ist mehr als ok. Eventuell werden Kritiker auf den Plan treten, denen „I am O.K.“ etwas zu glatt, zu sauber und/oder zu sehr in Richtung Mainstream schielend ausgefallen ist. Auch das ist ok. Im Mainstream angekommen ist Oliver Koletzki schon lange und es ist gut so, wie es ist.

Unterm Strich geht Oliver Koletzki auf seinem neuen Album „I am O.K.“ konsequent den Weg weiter, den er seinerzeit mit dem ersten Teil seiner Großstadtmärchen eingeschlagen hatte. House, Deep House, Minimal, Techno, EDM, oder wie auch immer man das nun nennen mag, ist nur noch in Teilen vorhanden. Es dominieren fetzig arrangierte und vorzüglich produzierte Electro-Pop-Songs, bei der sich die satten Sounds hervorragend mit den überzeugenden stimmlichen Leistungen der Gastvokalisten ergänzen. Die Lust am Sound wurde genüsslichst ausgelebt. Somit ist „I am O.K.“ erneut ein tolles Großstadtmärchen, das sich vor allem dann richtig gut konsumieren lässt, wenn der Tag so langsam aber sicher dem Abend weichen muss.

Erscheinungsdatum
16. Mai 2014
BAND/KÜNSTLER:IN
Oliver Koletzki
ALBUM
I am O.K.
LABEL
Vertigo Berlin (Universal Music)
Unsere Wertung
8
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Oliver Koletzki – I am O.K
FAZIT
Unterm Strich geht Oliver Koletzki auf seinem neuen Album „I am O.K.“ konsequent den Weg weiter, den er seinerzeit mit dem ersten Teil seiner Großstadtmärchen eingeschlagen hatte. House, Deep House, Minimal, Techno, EDM, oder wie auch immer man das nun nennen mag, ist nur noch in Teilen vorhanden. Es dominieren fetzig arrangierte und vorzüglich produzierte Electro-Pop-Songs, bei der sich die satten Sounds hervorragend mit den überzeugenden stimmlichen Leistungen der Gastvokalisten ergänzen. Die Lust am Sound wurde genüsslichst ausgelebt.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
6.5
GESANG
8
PRODUKTION
9
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Abwechslungsreich und unterhaltsam.
Wie üblich hervorragend produziert.
Tolle Gastsänger:innen.
NEGATIV
Wem der Vorgänger schon zu poppig war, wird hier vermutlich auch nicht so glücklich.
8
PUNKTE

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