Foto: Joseph Llanes

Placebo – Loud Like Love

"Ich wollte mit diesem Album Risiken eingehen. Ich hatte keinerlei Interesse, Wege zu beschreiten, die ich schon vor 20 Jahren als klischeehaft oder vorhersehbar gebrandmarkt hätte"

Möglicherweise geht es ja nur mir so, aber in den letzten Tagen und Wochen empfand ich es nahezu unmöglich, in der Netzwelt nicht ständig darüber zu stolpern, dass ein neues Placebo-Album namens „Loud Like Love“ vor der Türe steht. Na gut, ok, das letzte Album „Battle For The Sun“ liegt inzwischen auch schon wieder vier Jahre zurück. Derartiges mediales Paukengehaue haben Brian Molko und seine Jungs aber dennoch eigentlich nicht mehr nötig. Und wenn doch, dann müssen sie auch liefern. Placebo gehen so langsam auf ihr 20-jähriges Bandbestehen zu. Mal gucken, ob sie es immer noch drauf haben.

Musikalisch setzen Placebo auf seit Jahren bewährte Mittel. Und so auch dieses Mal. Bedeutet: Molkos ausdrucksstarke Stimme wird von Gitarren und Bässen umrahmt, in den ruhigen Momenten des Albums auch einmal mehr mit Tasteninstrumenten begleitet. Alles wie gehabt also. Na fast. Nicht erst seit „Battle For The Sun“ ist zu bemerken, dass die Produktion immer kuscheliger und ohrenschmeichelnder ausfällt. Zwar sind die Zutaten noch die gleichen, dennoch stehen Eingängigkeit und geschmeidige Arrangements hörbar ganz oben auf dem Zettel. Die Zeiten, in denen die Gitarrenwände dominanter waren als Brians Gesang, zudem aggressiver und wuchtiger, die sind scheinbar lange vorbei. Inzwischen sind die Gitarren so weit heruntergeregelt, dass sie nicht weiter auffallen. Ob das eine höhere Airplayquote garantieren soll oder schlicht der normale Lauf der Dinge, wenn man die 40 erreicht hat – darüber lässt es sicherlich vortrefflich streiten. Wären da nicht die gelegentlichen Spielereien wie etwa das elektronische Geknarze in „Scene Of The Crime“ oder das Gejaule in „Exit Wounds„, sie hätten es sich mit ihrem siebten Album in hübscher Mittelprächtigkeit eingerichtet. Vielleicht ist dies aber auch der Produktion von Adam Noble anzukreiden, der ansonsten Künstler wie Coldplay oder Paul McCartney produziert. Paradebeispiele gepflegter Langeweile.

Wesentlich interessanter sind die inhaltlichen Aspekte, denen Brian Molko hier nachgeht. Ganz besonders die, in denen er einen in Essig getränkten Finger in die offenen Wunden des aktuellen Zeitgeschehens steckt. Angestellte im Finanzwesen, vor allem sofern sie Entscheidungsträger in hohen Positionen sind, hören bei „Rob The Bank“ besser nicht so genau hin. Es besteht die Gefahr wenn nicht roter, dann wenigstens klingelnder Ohren. Auch zu der weltweiten Vernetzung und der zunehmenden Abhängigkeit von Smartphones hat Molko (wie in „Too Many Friends„) einiges zu sagen: „Es interessiert mich nicht, was andere Leute den ganzen Tag machen. Wenn ich mich mit dem Leben eines anderen auseinandersetze, dann persönlich und möglichst von Angesicht zu Angesicht. Ich hasse es, wenn sich jemand halb mit mir unterhält und sonst mit seinem Telefon beschäftigt ist. Ich war neulich im Taxi, und der Fahrer hat an jeder Ampel seine Grindr-Kontakte studiert. Er hatte keine Ahnung, dass ich ihn dabei beobachten konnte. Kann der nicht mal für eine Weile die Gedanken schweifen lassen? Oder sich mit mir unterhalten?“ Durchaus nachvollziehbar.

Nun sind es aber nicht nur gesellschaftliche Themen, die hier gewälzt werden, sondern, entsprechend des Albumtitels, vor allem die Liebe, die hier abgehandelt wird. „Bosco“ beispielsweise thematisiert, zu welchen katastrophalen Folgen es kommen kann, wenn Alkohol wie ein Damoklesschwert über einer Beziehung schwebt, die eh schon unter keinem guten Stern geboren wurde. Dieses Stück hält Molko übrigens für sein bisher bestes und ich bin spontan geneigt, seiner Einschätzung zu folgen. Spannend ist dabei, dass hier das Thema Liebe nicht mit albernen Herz-Schmerz-Banalitäten angegangen wird, sondern von dem Standpunkt heraus, dass Zwischenmenschliches immer auch ein hartes Stück Arbeit aller Beteiligten ist. Molko sagt: „Ich wollte mit diesem Album Risiken eingehen. Ich hatte keinerlei Interesse, Wege zu beschreiten, die ich schon vor 20 Jahren als klischeehaft oder vorhersehbar gebrandmarkt hätte. Das Album handelt zwar von der Liebe, aber keines der Stücke ist oberflächlich oder eindimensional. Liebe kann sehr brutal sein und voller Enttäuschung und Ablehnung stecken. Ich glaube, das Album handelt nicht davon, jemanden zu lieben, sondern von der Anstrengung, die Liebe erfordert – egal, ob das den Partner betrifft, das eigene Kind oder sich selbst. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr wollte ich darin abtauchen. Das Album behandelt viele dramatische Momente und hat außerdem viel emotionales Gewicht.

Zurück zur Ausgangsfrage: haben sie geliefert? Nun, inhaltlich gibt es an „Loud Like Love“ nichts zu meckern. Ob Ihr den musikalischen Weg, den Placebo mit dem verflixten siebten Album beschreiten, mitgeht, müsst Ihr selbst entscheiden. Wem die ruhige Seite Placebos eh immer die liebste war, wird hier sehr viel Spaß haben. Wer aber bei Placebo noch immer Ecken und Kanten sucht, dem sei gesagt: „Loud Like Love“ lässt sich problemlos am Stück durchhören, immer und immer wieder, mit nur wenigen Akzenten oder Highlights, an denen das Ohr hängen bleibt. Und jetzt zum Wetter.

Wären hier nicht die einzigartige, markante Stimme Brian Molkos und die teils gesellschaftskritischen Texte, „Loud Like Love“ würde vor allem musikalisch ziemlich dicht an der Belanglosigkeit vorbei schrammen. Sicherlich, ein zweites „Black Market Music“ oder „Sleeping With Ghosts“ erwartet niemand, einen Ausflug zurück in die Zeiten des selbstbetitelten Debüts erst recht nicht. Etwas weniger kuschelige Wohlfühlmusik, dafür mit ein paar Ecken und Kanten mehr darf es dann aber schon noch sein, woll? Und wenn ich manchmal sogar an U2 denken muss („Begin The End“), dann stimmt da doch etwas nicht? Somit ist „Love Like Loud“ ein nettes, leicht konsumierbares Rockalbum, das eben nicht mehr ist als das. Nett.

Erscheinungsdatum
13. September 2013
BAND/KÜNSTLER:IN
Placebo
ALBUM
Loud Like Love
LABEL
Universal Music
Unsere Wertung
7.3
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Placebo – Loud Like Love
FAZIT
Wären hier nicht die einzigartige, markante Stimme Brian Molkos und die teils gesellschaftskritischen Texte, "Loud Like Love" würde vor allem musikalisch ziemlich dicht an der Belanglosigkeit vorbei schrammen. Sicherlich, ein zweites "Black Market Music" oder "Sleeping With Ghosts" erwartet niemand, einen Ausflug zurück in die Zeiten des selbstbetitelten Debüts erst recht nicht. Etwas weniger kuschelige Wohlfühlmusik, dafür mit ein paar Ecken und Kanten mehr darf es dann aber schon noch sein, woll? Und wenn ich manchmal sogar an U2 denken muss ("Begin The End"), dann stimmt da doch etwas nicht? Somit ist "Love Like Loud" ein nettes, leicht konsumierbares Rockalbum, das eben nicht mehr ist als das. Nett.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
8.5
GESANG
7
PRODUKTION
7
UMFANG
7
GESAMTEINDRUCK
6.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Inhaltlich dem Zeitgeschehen verhaftet und somit angenehm komplex.
Selbst Themen wie Liebe werden ohne Klischees, dafür aber mit interessanten Twists aufgearbeitet.
NEGATIV
Musikalisch ziemlich zahn- und dadurch leider auch recht belanglos.
7.3
PUNKTE

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