Foto: Roman Jasiek / Music Evangelists

Mesh – Automation Baby

Inhalt, Gesang, Produktion - alles erstklassig bei diesem Volltreffer von einem Album

Guck sie dir doch mal an, die jungen Leute von heute: sie unterhalten sich – oder tun so als ob – und haben dennoch gleichzeitig Ohrstöpsel, die wie am Kopf festmontiert wirken. Musik beschallt die Blagen natürlich auch noch währenddessen. Überdies findet das soziale Leben immer mehr in Netzwerken im Internet statt. Hast du kein Facebook, dann existierst du vermutlich auch nicht. Jedenfalls nicht in dem geistigen Horizont einer Generation, die gerade dabei ist, das Netz mit all seinen schönen Fassaden zum Lebensinhalt zu machen. Kannste nix? Macht nüscht. Kauf einfach ein paar teuere Klamotten mit irgendeinem angesagten Label drauf, poste das im Netzwerk deines Vertrauens (Ihr wisst schon, vorm Badezimmerspiegel, die Auslage schön in Form gebracht und das klassische Duckface) und die Freundesliste wächst beinahe automatisch. Einer geht? Völlig wumpe, der nächste kommt schon früh genug. Eher früher als später. Nichts berührt sie mehr, nichts schockiert sie, nichts verführt sie – nur noch der schöne Schein und das (digitale) Geltungsbedürfnis. Keine schönen Aussichten? Richtig. Schön ist hingegen, dass diese bedenkliche Entwicklung auch mal musikalisch behandelt wird: Mesh, inzwischen seit locker 21 Jahren im Geschäft, erweisen sich auf ihrem neuen Album „Automation Baby“ als famose Beobachter des aktuellen Zeitgeschehens. Und liefern nebenbei ein perfektes Album ab. Einfach so. Weil sie es können. Weil sie es wirklich können.

Auf ihrem 12. Album erzählen Mark Hockings und Richard Silverthorn 12 Geschichten (die beiden kurzen Instrumentalstücke davon mal ausgenommen) einer fiktiven Protagonistin, auf die anfänglich erwähnte Beschreibung passt wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer. Einer Protagonistin, die keinen Namen hat, wobei es aber auch nicht von Relevanz wäre, hätte sie einen. Permanente Vernetzung, Abschimmeln in sozialen Netzen, hemmungsloser Konsumrausch (haste was, biste schließlich was) und die Erschaffung einer schönen Scheinidentität, auf dem besten Wege zur völligen Abgestumpftheit – das ist der Weg, den die Protagonistin hier beschreitet. Und so mit ihr unzählige andere. Mesh verpacken ihren sozialkritischen Inhalt in eine umwerfende Produktion, wie wir sie von Mesh noch nicht zu hören bekommen haben. Und dabei sind wir von Mesh über die Jahre hochwertige Produktionen gewohnt. „Automation Baby“ setzt dem Ganzen die (bisherige) Krone auf. Ob es an der Zusammenarbeit mit Olaf Wollschläger (u.a. bereits für Seabound und In Strict Confidence tätig gewesen) liegt oder Mesh einfach die nächste Stufe in der Profiliga erreicht haben, weiß man nicht. Ist auch völlig wumpe. Aber dieser luftige Sound, der die verspielten, vielschichtigen Arrangements atmen lässt und Mark Hockings Gesang umschmeichelt wie ein teurer Rahmen ein edles Bild ist schlicht beeindruckend!

Ihre musikalische Vielseitigkeit demonstrieren Mesh gleich schon beim ersten Song des Albums, „Just Leave Us Alone„. Fängt ganz bedächtig an, steigert sich dann zu einem typischen Mesh-Synthie-Pop-Track und macht selbst vor Dubstep-Momenten nicht halt. Und glänzt – wie jeder Text beinhaltende Song dieses Albums – mit einer Ohrwurmqualität, die es in dieser Dichte womöglich kein zweites Mal in diesem Jahr zu hören gibt. Manchmal überwiegen weitläufige Synthieflächen, manchmal dominieren die Gitarren, manchmal erfreut man sich an Sounds, die aus C64-Computerspielen entliehen zu sein scheinen, manchmal staunt man über elektronisch verzerrte Hintergrundvocals, manchmal wirkt das Geschehen sehr akustisch – Abwechslung wird hier unheimlich groß geschrieben. Kein Track gleicht dem anderen. „Automation Baby“ steckt nicht nur voller potentieller Hits, sondern wird über die gesamte Spieldauer keine Sekunde langweilig. Das hat zur Folge, dass sich geneigte Hörer:innen entweder nur die persönlichen Perlen herauspicken können, wie es ja oft der Fall ist, oder das Album am Stück genießen. Wieder und immer wieder. Und dann noch einmal.

Absoluter Höhepunkt dieses Albums ist der definitve Ohrwurm und Titeltrack „Automation Baby„. Meine Fresse, ich kann Euch alle bei Konzerten schon tanzen und den Refrain lauthals mitgröhlen sehen. Ein Paradebeispiel eines perfekten Popsongs. Dass Mesh aber auch ruhige Töne meisterlich beherrschen, beweisen sie mit „You Couldn’t See This Coming„, der das Album zu einem fulminanten Ende bringt. Episch. Mehr fällt mir zu dieser von Klavier, Streichern und ganz dezenter Elektronik untermalten Ballade nicht ein. Dieser Song darf es sich jetzt schon mal auf dem Treppchen für die beste Ballade 2013 ganz oben einrichten.

Die Figuren, die Mesh in diesem Album thematisieren, werden „Automation Baby“ sehr wahrscheinlich niemals hören. Ihr solltet es aber tun. Das Jahr ist noch jung, aber schon jetzt ist es eines der besten Alben, die 2013 gesehen bzw. gehört haben wird. Kaufen. Genießen!

Es gibt an dieser Stelle nicht mehr viel zu sagen, außer: ich bin schwer verliebt in das neue Mesh Album! Sicherlich ist das Thema dieses Album eines, an das mehr als nur ein paar flüchtige Gedanken verschenkt werden sollten. Manchmal aber möchte ich auch Musik genießen, ohne über den (zugegeben) tollen Inhalt zu reflektieren. „Automation Baby“ ist von vorne bis hinten ein perfektes Pop-Album geworden. Die fetzige Produktion mit ihren verspielten Arrangements, die tollen weil besitzergreifenden Melodien, Marks Gesang – all das beschert mir einfach gute Laune. Mesh waren besser nie als hier und liefern mit „Automation Baby“ DEN Soundtrack für den Frühling. Vielen Dank dafür!

Erscheinungsdatum
15. März 2013
BAND/KÜNSTLER:IN
Mesh
ALBUM
Automation Baby
LABEL
Dependent Records
Unsere Wertung
8.2
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Mesh – Automation Baby
FAZIT
"Automation Baby" ist von vorne bis hinten ein perfektes Pop-Album geworden. Die fetzige Produktion mit ihren verspielten Arrangements, die tollen weil besitzergreifenden Melodien, Marks Gesang - all das beschert mir einfach gute Laune. Mesh waren besser nie als hier und liefern mit "Automation Baby" DEN Soundtrack für den Frühling.
INHALT/KONZEPT
8
TEXTE
8
GESANG
8.5
PRODUKTION
8
UMFANG
7.5
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Tolles weil sozialkritisches Konzept.
Wie üblich: herausragende Melodien, die sowohl zum Feiern als auch zum Genießen daheim einladen.
Gelungene Produktion.
NEGATIV
8.2
PUNKTE