Foto: Chris Barber

Blue October – Any Man In America

Ein intensives Rock-Album von textlich enormer Tiefe

Anfang des letzten Jahres hatten wir das große Vergnügen, Euch an dieser Stelle ein großartiges Album einer außergewöhnlichen Rockband vorzustellen: “Approaching Normal” von Blue October. Seit Ende August ist das aktuelle Album “Any Man In America” der Texaner verfügbar. Wir fanden nun auch endlich mal die Zeit, uns dieses Werk anzuhören. Vorab sei verraten: genauso wie “Approaching Normal” hat auch “Any Man In America” nachhaltigen Eindruck hinterlassen!

Kennt Ihr eventuell das Buch “Vincent” von Joey Goebel? Das Buch themasiert die Vorstellung, dass große Kunst nur entstehen kann, wenn Künstler:innen Leid zugefügt wird. In welcher Form auch immer. Wichtig ist dabei nur, dass es den Kunstschaffenden nicht gut geht. Warum ich das Frage? Nun, der persönliche Hintergrund hinter “Any Man In America” scheint die im Buch wunderbar verpackte Theorie zu bestätigen.

Justin Furstenfeld, Sänger, Texter und Frontmann von Blue October, ist leider ein Paradebeispiel für einen solchen Vincent. Ähnlich wie die tragische Figur im Buch durchlebt Furstenfeld scheinbar ein Drama nach dem anderen, was schon zu ausgewachsenen Depressionen führte. Erfreulicherweise hat Furstenfeld eine Band um sich herum versammelt, die ihn seinen Seelenschmerz mittels Musik verarbeiten lässt und dabei voll hinter ihm steht. Bei “Any Man In America” bekommt das Thema ‘Leiden um zu erschaffen’ eine neue Tiefe im Furstenfeld’schen Universum. Denn die 13 Songs auf diesem Album thematisieren Furstenfelds Scheidung, den folgenden, offenbar ziemlich erbitterten Sorgerechtsstreit und die Trennung von seiner kleinen Tochter Blue. Und dass Furstenfeld seine Tochter innig liebt, war schon auf dem letzten Album ziemlich deutlich zu bemerken. Bei “Any Man In America” verrät es schon allein das Cover. Das Bild dort malte nämlich besagte Blue.

Blue October schicken ihre Hörer:innen hier auf eine emotionale Reise, bei der die Stationen Wut, Verzweiflung, Trauer, Hoffnung und Kampfgeist heißen. Entsprechend ist auch die musikalische Gestaltung ausgefallen. Für Blue October, gewöhnlich eher im Spannungsfeld zwischen mainstreamtauglichen und alternativen Rock zuhause, gibt es auf diesem Album keine Genregrenzen. In ihren eh schon vielschichtigen Sound mischen die Texaner dieses Mal auch dann und wann mal eine Prise Elekronik (“The Money Tree”, “Any Man In America”) oder Hip Hop/Rap (“The Flight”). Manchmal kommen Streicher zum Einsatz (“For The Love”), manchmal feuern sie dem Hörer Gitarrenriffs wie Maschinengewehrsalven um die Ohren (“The Getting Over It Part”). Und über allem die faszinierende, ausdrucksstarke Stimme von Herrn Furstenfeld, die schon mancher mit Peter Gabriels Gesangsorgan verglich. Die musikalische Vielfalt hat den schönen Effekt, dass das Album auch nach wiederholtem Hören nichts von seiner Eingängigkeit und Gefälligkeit einbüßt. “Any Man In America” zeigt recht deutlich, dass aus persönlichem Leid manchmal doch etwas “Gutes” entstehen kann. Es ist ein unglaublich intensives Album, wenn man sich auf die Texte und die Geschichte dahinter einlässt. Blendet man das aus, bleibt immer noch ein höchst abwechslungsreiches Rock-Album, das es schlicht verdient, gehört zu werden.

Einseitige Berichterstattung war schon immer gefährlich. Offensichtlich leidet Blue October Frontmann Justin Furstenfeld sehr unter der Trennung und mehr noch unter dem Sorgerechtsstreit und dem damit verbundenen Verlust seiner Tochter Blue. Deshalb möchte ich an dieser Stelle keine Wertung zur inhaltlichen Brisanz dieses Albums abgeben, da es sicherlich auch hier zwei Seiten einer Medaille gibt und ich nicht beide kenne. Justins ehrlich und authentisch wirkende Texte hin oder her. Was aber durchaus bewertet werden kann und soll ist die enorme Tiefe der Texte und die musikalische Vielfalt dieses Albums. Viel abwechslungsreicher kann man ein Rock-Album wohl kaum gestalten. Musikalische Grenzen gibt es für Blue October keine. Bleibt zu hoffen, dass den Texanern auch hierzulande endlich der Durchbruch gelingt, verdient hätten sie es!

Erscheinungsdatum
16. August 2011
BAND/KÜNSTLER:IN
Blue October
ALBUM
Any Man In America
LABEL
Edel Records
Unsere Wertung
8.5
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Blue October – Any Man In America
FAZIT
Und über allem die faszinierende, ausdrucksstarke Stimme von Herrn Furstenfeld, die schon mancher mit Peter Gabriels Gesangsorgan verglich. Die musikalische Vielfalt hat den schönen Effekt, dass das Album auch nach wiederholtem Hören nichts von seiner Eingängigkeit und Gefälligkeit einbüßt. “Any Man In America” zeigt recht deutlich, dass aus persönlichem Leid manchmal doch etwas “Gutes” entstehen kann. Es ist ein unglaublich intensives Album, wenn man sich auf die Texte und die Geschichte dahinter einlässt. Blendet man das aus, bleibt immer noch ein höchst abwechslungsreiches Rock-Album, das es schlicht verdient, gehört zu werden.
INHALT/KONZEPT
7.5
TEXTE
9
GESANG
9
PRODUKTION
9
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
8.5
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
Die musikalische Aufarbeitung eines Sorgerechtsstreits ist inhaltlich überraschend tief ausgefallen.
Musikalisch über jeden Zweifel erhaben.
NEGATIV
Die Gegenseite in dieser Geschiche kommt nicht zu Wort.
8.5
PUNKTE

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