Foto: Chris Barber

Blue October – Approaching Normal

"Bei ihnen hört man nicht einfach nur, was die Aussage eines Songs ist. Stattdessen bleibt einem nichts anderes übrig, als dieses Gefühl so zu empfinden, als würde man es am eigenen Leib erfahren"

Das Twilight-Fieber grassiert ja nach wie vor. Und wenn im Februar in Deutschland der dritte Teil der Biss-Reihe als Taschenbuch erscheint, wird das Feuer nur weiter geschürt. Wer sich immer schon mal gefragt hat, was sich Stephenie Meyer als Inspiration zu Gemüte geführt hat, um eines der erfolgreichsten All-Age-Vampirmärchen zu Papier zu bringen, sollte nun aufmerksam weiterlesen. Aber auch diejenigen, die beim Begriff “Twilight” am liebsten gleich wieder das Browserfenster geschlossen hätten, sollten den nachfolgenen Artikel lesen – sofern sie sich für wunderbare, ehrliche Rockmusik begeistern können, die ansonsten (zum Glück?) nichts mit dem aktuellen Vampir-Mega-Hype zu tun hat. Blue October haben im vergangenen Jahr mit “Approaching Normal” nämlich genau das abgeliefert: einen modernen, intensiven Rock-Klassiker.

Der Oktober als Monat macht es einem nicht leicht: Das Wetter pendelt hier gerne mal zwischen “gerade noch schön” und “ganz schön mistig”. Da wundert es nicht, dass empfindsame Menschen in dieser Zeit gefühlstechnisch ein ähnlich ambivalentes Verhalten an den Tag legen. Um es mit einem Begriff aus dem englischen Sprachgebrauch zu sagen: In dieser Zeit fühlt sich so mancher “blue”. Hurra, die (zugegebenermaßen) etwas holprige Herleitung zum Bandnamen wäre damit geschafft. Allerdings muss an dieser Stelle auch gleich mal festgehalten werden: die emotionale Widersprüchlichkeit, die sich im Bandnamen Blue October wiederspiegelt, findet sich auch in der Musik der bereits seit 1995 existierenden Band aus Texas wieder.

Auch wenn manche Songs auf “Approaching Normal”, dem inzwischen 5. Studioalbum der Texaner, melodisch durchaus einiges an augenscheinlicher Fröhlichkeit transportieren, so wird jedem, der sich mit der Band (oder auch nur dem vorliegenden Album) beschäftigt, klar, dass es sich bei Blue October um vieles handelt, mit Sicherheit aber nicht um eine Guuude-Laune-Band, die nichts zu sagen hätte. Das erste Album beispielsweise, “The Answers”, behandelt die Themen Depressionen und Selbstmord. Themen, die den Sänger der Truppe, Justin Furstenfeld, selbst betreffen – mehr als ihm (oder den Leuten in seinem Umfeld) lieb sein kann. Die zum Release von “Approaching Normal” angedachte Tour beispielsweise wurde kurzerhand gecancelt, da man fürchtete, Justin würde den Tourstress mittels Suizid verarbeiten.

Thematisch fröhlich geht es auf “Approaching Normal” nur selten zu. Klar, es gibt Songs wie “Say It”, über dessen Inhalt Sänger und Songwriter Justin Furstenfeld sagt, er habe es satt, andauernd Opfer zu sein. Stattdessen will er ein starkes, selbstbewusstes Individuum sein. Diese scheinbare Zuversicht findet sich auch in den Songs “Blue Skies” oder “Should Be Loved” wieder. Aber jede Seite hat bekanntlich zwei Seiten und so präsentiert “Approaching Normal” dann auch jede Menge seelischer Schattenseiten. Das ziemlich wütende, fast schon rachsüchtige “Dirt Room” zum Beispiel, in dem die Band ziemlich eindrucksvoll klar macht, dass man sich nicht ausnutzen lassen darf und viel mehr für das eintreten sollte, was einem am Herzen liegt. Die eigene Familie zum Beispiel.

Das Kernstück des Albums sind aber “Kangaroo Cry” und “Picking Up The Pieces”, zwei Songs, die thematisch miteinader verknüpft sind: hier geht es um einen Soldaten, der sich am Abend vor einem Einsatz von seiner Freundin verabschiedet, um sich im zweiten Teil den Fragen zu stellen, die seine Rückkehr in eine zerrüttete Beziehung und ein kaputtes Leben aufwerfen. Dem gegenüber stehen dann aber wieder Songs wie “Blue Does”, quasi eine Art Kinderlied, das Furstenfeld für seine kleine Tochter geschrieben hat. Das krasseste Stück auf dem Album (das wegen seiner dramatischen Härte nicht auf der Clean-Version enthalten ist!) ist aber “The End”. Hier erfährt der Hörer von einem psychisch labilen Mann, der von Eifersucht zerfressen wird und dadurch jede Menge Unheil anrichtet. “The End” dürfte wohl ungelogen einer der nachhaltig beeindruckendsten Rock-Songs überhaupt sein.

Twilight-Fans hingegen freuen sich wohl am meisten über das Stück “My Never”. Mit diesem Song ist Justin schon im Sommer 2008 im Rahmen der “Breaking Dawn Concert”-Tour zusammen mit Stephenie Meyer durch die Lande gezogen. Meyer, selbst Blue October-Fan, hat demnach auch nur lobende Worte für das Tun der Band übrig: “Als Autorin bin ich dauernd auf der Suche nach der richtigen Musik, die bei mir genau die Gefühle weckt, die ich gerade in einer Geschichte behandle. Es gibt zwar haufenweise Musiker, die mich mit ihren Songs in eine Zeit zurückversetzen können, als ich vielleicht früher einmal traurig oder wütend oder verliebt war; aber einen Song, der diese Gefühle tatsächlich bei mir auslösen kann, im Hier und Jetzt, anstatt mich nur an früher zu erinnern, den findet man so gut wie nie. Die Musik von Blue October schafft es jedoch, diese Gefühle bei mir auszulösen. Bei ihnen hört man nicht einfach nur, was die Aussage eines Songs ist. Stattdessen bleibt einem nichts anderes übrig, als dieses Gefühl so zu empfinden, als würde man es am eigenen Leib erfahren”. So ist es.

Jetzt dürfte wohl klar sein, dass Blue October also in der Tat ein höchst passender Name für die Band darstellt. Der Name ist hier Programm. Inhaltlich durchweg überzeugend wissen die Texaner aber auch akustisch zu gefallen. Was sind die Grundvoraussetzung für gefällige Rockmusik? Gefällige Melodien? Check. Ausdrucksstarker, unverwechselbarer Gesang? Check. Idealerweise vielfältige Instrumentierung, die über Bass, Gitarre und Drums hinausgeht? Check. Der Sound von Blue October sprüht geradezu über vor Abwechslungsreichtum und Vielfältigkeit. Einen nicht unerheblichen Einfluss am Sound der Band dürfte wohl der Produzent des Albums gehabt haben. Den Feinschliff hat nämlich niemand geringeres als Steve Lillywhite vorgenommen, Haus- und Hofproduzent von U2 und nebenbei fünffacher Grammy-Gewinner, der die Band immer wieder an den Rand dessen, was sie zu leisten vermag, getrieben hat – und darüber hinaus. Das Ergebnis kann sich hören lassen. “Approaching Normal” ist inhaltlich wie akustisch ein Meisterwerk, das gekommen ist um zu bleiben.

Ich gebe zu: Die Promo zu “Blue October” lag schon ein Weilchen bei mir herum. Wobei, nein, herumliegen ist nicht ganz richtig. Viel mehr begleitet mich Blue Octobers aktuelles Album seit Erhalt im Auto. Dass ich mich erst jetzt dazu äußere liegt daran, dass dieses großartige Album lange auf mich einwirken musste, ehe ich auch nur ansatzweise passende Worte dafür finden konnte. “Approaching Normal” ist mit Abstand das beste Album, das (durchaus mainstreamtaugliche) Rockmusik derzeit zu bieten hat. Inhalt, Musik, Gesang – hier stimmt einfach alles.

Erscheinungsdatum
24. März 2009
BAND/MUSIKER:IN
Blue October
ALBUM
Approaching Normal
LABEL
Universal Music
Unsere Wertung
8.8
WERBUNG (PROVISIONSLINK)
Blue October – Approaching Normal
FAZIT
Den Feinschliff hat nämlich niemand geringeres als Steve Lillywhite vorgenommen, Haus- und Hofproduzent von U2 und nebenbei fünffacher Grammy-Gewinner, der die Band immer wieder an den Rand dessen, was sie zu leisten vermag, getrieben hat – und darüber hinaus. Das Ergebnis kann sich hören lassen. “Approaching Normal” ist inhaltlich wie akustisch ein Meisterwerk, das gekommen ist um zu bleiben.
INHALT/KONZEPT
9
TEXTE
9.5
GESANG
8.5
PRODUKTION
9
UMFANG
8
GESAMTEINDRUCK
9
Leserwertung0 Bewertungen
0
POSITIV
In Sachen Inhalt und Produktion ein überragendes Album.
Oder anders: eines der besten und eindrucksvollsten Rockalben dieser Dekade.
NEGATIV
8.8
PUNKTE

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